Gemeinde Gutenstetten

Landkreis Neustadt a.d.Aisch
Bad Windsheim

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Gutenstetten zur Zeit der Hohenzollern 1200 - 1800

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Autoren:(2002)
Hermann Blendinger, Pfarrer i.R. An der Schafleite 5, 91468 Gutenstetten (†2005)
Helmut Reiß, Bürgermeister Gutenstetten, Gartenstr.8, 91468 Gutenstetten

 

Gutenstetten zur Zeit der fränkischen Hohenzollern 1200-1800

0510 Zollern

Auch scheinbare Selbstverständlichkeiten können fraglich werden, wenn man genauer hinsieht. So verhält es sich auch mit der Behauptung, dass Gutenstetten in Franken liegt. In einem älteren Geschichtsatlas wird auf einer Karte, die die politischen Grenzen in Mitteleuropa um 1200 darstellen wollte, das Land zwischen Rhein und Regnitz als „Herzogtum Franken" bezeichnet. Doch ein so benanntes Herzogtum hat es nie gegeben, die Verhältnisse hier waren komplizierter.








                Wappen der Hohenzollern aus Siebmachers Wappenbuch 1605

Eindeutig ist zunächst nur, dass diese Landschaft seit dem Mittelalter von fränkischer Kultur geprägt ist. Im Westen lehnte sie sich an das alte fränkische Siedlungsgebiet der Völkerwanderungszeit an, nach Osten und Nordosten hin waren die Grenzen fließend. Franken-stämmig war nur eine Oberschicht, die sich über die hier bereits ansässigen germanischen und slawischen Volksgruppen geschoben hatte. Diese wurden von den fränkischen Herrschern planmäßig „verfrankt". Das so entstandene Gebiet fränkischer Kultur wurde meistens „Ostfranken" genannt. Es war Eigenland, zunächst der fränkischen Könige bzw. Kaiser und ihrer Erben, bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts vor allem der Staufer. In diesem Reichsland oder Königsland haben wir es mit einem Raum eigener Ordnung - oder soll man sagen „eigener Unübersichtlichkeit"? - zu tun.

Nur im Gebiet des Bistums Würzburg entwickelten sich eindeutigere Verhältnisse. Kaiser Friedrich Barbarossa hatte 1168 den dortigen Bischof mit der „Goldenen Freiheit" ausgestattet und damit in den Stand eines weltlichen Herzogs erhoben. Er durfte sich fortan „Herzog in Franken" nennen. Schon sein Titel deutete an, dass er nicht über den ganzen fränkischen Kulturraum gebot. Nach heutiger Gebietseinteilung erstreckte sich sein Herrschaftsbereich ungefähr über Unterfranken.
Im großen Rest des Königslandes konnten sich unter dem weiten, aber zähen Netz königlicher Grundherrschaft selbstständige, klar umgrenzte Territorien nicht oder nur mühsam entwickeln. Vor allem ist keinem Adeligen der Versuch gelungen, dieses Land zu einem selbstständigen fränkischen Herzogtum zusammenzufassen. Es bildeten sich verschiedene und verschiedenartige Einflusszonen grundherrlicher, rechtlicher, familienbezogener Art: Reste früherer Adelsbündnisse, alter Lehensverhältnisse, Grundherrschaften von Klöstern und anderen geistlichen Herrschaften oder nach Selbstständigkeit strebenden königlichen Dienstmannen, die sich in einer heute kaum mehr überschaubaren Weise einigermaßen im Gleichgewicht hielten(1). Seit dem 13. Jahrhundert melden sich in diesem komplizierten Beziehungssystem auch die Städte.
Als von 1254 - 1273 das Heilige Römische Reich keinen König hatte, während des sog. Interregnums, gelang es einigen dieser geistlichen und weltlichen Herren, ihre Selbstständigkeit auszubauen und ihre Herrschaftsbereiche deutlicher von den Nachbargebieten abzugrenzen, doch das änderte nichts daran, dass Franken ein Land mit unklaren Grenzen blieb. Man zählte hier schließlich 43 mehr oder weniger selbstständige Gebiete - Bistümer, Fürstentümer, Reichsgrafschaften oder Freie Reichsstädte mit Hinterland, 22 allein im heutigen Mittelfranken. Aber eigentlich wird das Zählen von Territorien den Rechtsverhältnissen in diesem Land nicht gerecht. Nirgends in Deutschland war der politische „Fleckerlteppich" zerrissener. „Der fränkische Raum war ein Konglomerat von Adelslandschaften geblieben"(2).
In diesem politisch so unübersichtlichen Raum lag auch Gutenstetten. Ob unsere Gegend im Mittelalter wirklich „Franken" genannt wurde, ist gar nicht so sicher. Noch in der Zeit des 30-jährigen Krieges scheint man die Grenzen von Franken anders gezogen zu haben als heute. In einem Bericht des Amtes Dachsbach für den Markgrafen von Bayreuth heißt es, Teile der Bevölkerung „... sind wegen der großen Hungersnot gar nach Sachsen, Thüringen, Franken und anderen Orten gelaufen"(3). Mag sein, dass mit „Franken" hier der Hoheitsbereich des Bischofs von Würzburg gemeint war, als was aber empfanden sich damals die Bewohner unserer Heimat? Vermutlich wurde diese Frage Jahrhunderte lang überhaupt nicht gestellt. In der Zeit, als sich die Nürnberger Burggrafen mit den Würzburger Bischöfen um die Herrschaft im fränkischen Raum stritten, scheint keinem der Konkurrenten der Gedanke gekommen zu sein, seine Gebietsansprüche als Ansprüche auf Franken anzumelden. Erst im 15 Jahrhundert bringen sie in ihrem Streit auch den Titel „Herzog von Franken" ms Spiel.
Auf dem Augsburger Reichstag im Jahre 1500 gewinnt der Name „Franken" wieder allgemeine politische Bedeutung, denn einer der fünf neu gebildeten deutschen Reichskreise erhält den Namen „Fränkischer Reichskreis". Ihm gliederten sich auch diejenigen Territorien östlich des Rheins an, die sich der fränkischen Tradition verpflichtet fühlten. In den folgenden Jahrhunderten nimmt das Zusammengehörigkeitsgefühl in diesem Gebiet trotz territorialer Zersplitterung und konfessioneller Spaltung noch zu. „Nach der Reformation wird der Fränkische Reichskreis... mehr und mehr zu einem Selbstverwaltungskörper für die meisten fränkischen Herrschaftsgebiete". Ihm untersteht das Polizeiwesen, Teilbereiche der Landesverteidigung, das Münzwesen, die Wirtschaftsordnung und Teile des Steuerwesens - eine Ordnung, die bis um 1800 bestehen bleibt(4). Der Fränkische Reichskreis hielt fester zusammen als andere.
Zurück ins Mittelalter. 1191/92 erbten die schwäbischen Zollern das Amt des Burggrafen von Nürnberg. Ursprünglich war der Burggraf

- Hüter der kaiserlichen (bzw. königlichen) Burg
- Stadtkommandant von Nürnberg
- oberster Richter im Stadtgebiet(5).

Diese Aufgaben bestanden nach dem Interregnum (1273) nur noch eingeschränkt. Die enge Verbindung zwischen Burggraf und Stadt wurde lockerer. Die Burghut ging bald ganz auf die Stadt Nürnberg über. „Die Siedlung Nürnberg wurde zur Stadt, zu einem privilegierten, selbstständigen Gemeinwesen. Für den Burggrafen blieb kein Raum mehr... Zur Festigung ihrer Macht mussten die Burggrafen ausgreifen und ein eigenes Territorium erkämpfen."(6) D.h. sie strebten danach, die oft recht ungeklärten, altertümlichen Herrschaftsverhältnisse in ihrem Einflussbereich zu ihren Gunsten zu verändern und zu festigen. Das führte im Lauf der Zeit zu immer ausgeprägteren Interessenkonflikten mit den Nachbarn. Im Westen kam es zu Streitigkeiten mit dem Hochstift Würzburg, von denen auch das Kloster Münchsteinach mit seinen Besitzungen betroffen wurde. Gutenstetten, seit langem dem Kloster Münchsteinach verbunden, lag im Grenzbereich der beiden Interessensphären. Das Ringen zog sich über Jahrhunderte hin und steigerte sich gelegentlich bis zum offenen Krieg. Davon soll im Folgenden erzählt werden.


 

1) Näher dazu vor allem Karl BOSL, Franken um 800. Strukturanalyse einer fränkischen Königsprovinz,
   München 21969. Vgl. auch Kurt TöPNER, Das historische Gesicht einer Region:
   Mittelfranken, Vortrag von 1999.
2) Max SPTNDLER, (Hrsg.), Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. 2, (1200-1800), S. 702.
3) Zitiert bei Walter SIEGISMUND, Der Dreißigjährige Krieg im Amt Dachsbach 1632 - 1634,
   in: Streiflichter aus der Heimatgeschichte 1990, S. 66 u. ö.
4) Alfred KRIEGELSTEIN (Hrsg.), Von der Reformation zur Gegenwart, S. 69 f.
5) Günther SCHUHMANN, Die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach.
   Eine Bilddokumentation zur Geschichte der Hohenzollern in Franken, Ansbach 1980, S. 3 f.
6) SCHUHMANN, Die Markgrafen, S. 5.

 
 

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Ausschnitt der Karte des Fränkischen Kreises um 1750Schon dieser Kleine Ausschnitt der Karte des Fränkischen Kreises zeigt den "Fleckerlteppich" (Homann, Nürnberg um 1750)Gutenstetten um 1200Als Europa in sein dreizehntes nachchristliches Jahrhundert eintrat, war Gutenstetten mindestens ein halbes Jahrtausend alt. Neueste Funde im westlichen Dorf legen die Vermutung nahe, dass hier schon seit zweieinhalb Jahrtausenden immer wieder gesiedelt wurde. Jedenfalls erinnerte schon die mitten im Dorf stehende Martinskapelle - oder war es eine Kirche? - daran, dass man in einem sehr alten Dorf wohnte. Ob dieses kirchliche Gebäude wirklich schon in der Zeit der frühen fränkischen Könige errichtet wurde, ist in letzter Zeit wieder strittig geworden. Zum ersten Mal wird eine Kirche in Gutenstetten erst im Jahr 1090 urkundlich erwähnt. Ihren Namen verrät die Urkunde nicht, dass es sich dabei um unsere Martinskirche gehandelt hat, ist eine naheliegende Vermutung. Wie alt sie damals schon war, wissen wir nicht. Italo BACIGALUPO, gegenwärtiger Ortspfarrer von Gutenstetten, der sich um die Erforschung der Geschichte der Pfarrei große Verdienste erworben hat, glaubt Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass in der Nachbarschaft der alten Martinskirche noch ein zweites Kirchengebäude gestanden hat, eine in die Zeit der Missionierung zurückreichende Taufkirche. Ob diese auch um 1200, der Zeit, in der unser Bericht einsetzt, noch stand, ist fraglich. Eindeutige Spuren von ihr haben sich nicht erhalten. Die Dorfüberlieferung weiß noch von einem anderen Zeugnis der Frühkultur, das damals noch zu sehen gewesen sein müsste. Am westlichen Dorfrand, auf einem Bergrücken mit dem Flurnamen „Schlossberg" oder „Schleißberg", soll ein altes Herrenhaus gestanden haben, von dem der wackere Dorfchronist Andreas DEININGER um 1900 die Umfassungsgräben gesehen haben will. Dazu bemerkt er: „Die Bewohner ... sollen sich mit einer größeren Menge Volks....dem herrschenden Zeitgeist gemäß an dem Kreuzzug beteiligt haben und vom Tode hingerafft worden sein; die Wohnplätze verödeten und gingen ein."(7) Ob wirklich die Kreuzzüge oder nicht ganz andere Ereignisse das „Schloss" veröden ließen, müssen wir offen lassen. Sicher ist, dass das Herrenhaus (BACIGALUPO meint, ein festes Schloss sei es wohl nie gewesen) schon bei der Einverleibung des Dorfes in das Münchsteinacher Klostergut grundrechtlich keine Bedeutung mehr hatte. Aber immerhin hat BACIGALUPO in einer alten Urkunde einen Heinrich von Tuttenstetten entdeckt(8), der als Pfarrer von St. Sebald in Nürnberg 1307 die erste Pfründe auf dem dortigen Stephansaltar stiftete. Nach Meinung des Forschers könnte er das letzte Mitglied eines hiesigen Herrengeschlechts gewesen sein. Inzwischen hat die Flurbereinigung die letzten sichtbaren Erinnerungen an unser „Schloss" beseitigt. Wir erwähnen noch zwei weitere Siedlungen, die um 1200 existiert haben dürften, heute aber nur noch in Flurnamen erhalten sind. Die Grundmauern der einen, des „Ziegenhof", haben ältere Einwohner unseres Dorfes noch gesehen, jenseits der heutigen B 470 unweit vom alten Bahnhof. Erst die Flurbereinigung hat den Ort eingeebnet. Von der anderen, dem Gut „Thronsdorf", das „am rechten Ufer der Aisch am Weg nach Dettendorf"(9) gelegen haben soll, sind keine sichtbaren Spuren geblieben, es könnte schon im H.Jahrhundert, als viele Kleinsiedlungen starben, aufgegeben worden sein. Die Landschaft des mittleren Aischgrundes ist um 1200 nur dünn besiedelt, und daran wird sich auch in den folgenden Jahrhunderten nicht viel ändern. Es war Bauernland, besondere Bodenschätze, die das Land hätten reich machen können, finden sich hier nicht. Der einzige Schatz ist ein vor allem an den Talrändern recht fruchtbarer Ackerboden, dazu kommen die Teiche, die schon im Mittelalter im den flachen Talmulden zur Fischzucht angelegt wurden. Gutenstetten, oder Tutenstetin, wie es bis ins 16. Jahrhundert in unterschiedlicher Schreibweise hieß, lag abseits der großen Weltgeschichte, an der es mehr leidend als handelnd teilnahm.Albrecht Dürer hat mit seinem Aquarell " Ansicht von Kalchreuth" ein Dorf am Ende des Mittelalters charakterisiert. So könnte auch die Gutenstettener Anwesen um 1500 ausgesehen haben.( gilt seit 1945 als verschollen) Doch in mehrfacher Hinsicht ragte Gutenstetten aus den Dörfern der Umgebung heraus. Es hatte sich schon früh zum größten Dorf der Umgebung entwickelt. Verkehrstechnisch lag es günstig am Eingang des Steinachtals und in der Nähe nicht unbedeutender Handelswege, u.a. einer Hochstraße, die von Unterfranken in den Nürnberger Raum führte und bei Diespeck die Aisch überquerte. Gutenstetten war auch Mittelpunkt eines bemerkenswert ausgedehnten Pfarrsprengels, der von Obersteinbach bis Unterlaimbach reichte, was als Hinweis darauf gedeutet wird, dass unser Dorf Sitz einer der fränkischen Urpfarreien war. Zum Sprengel gehörten auch die Ortschaft und der Bereich des späteren Klosters Münchsteinach. Das führte zu der merkwürdigen Rechtslage, dass das Dorf Gutenstetten und seine Flur schon bald weitgehend zum Kloster gehörten, aber die Bewohner von Münchsteinach außerhalb des Klosters nach Gutenstetten eingepfarrt waren. Diese Regelung hielt sich bis zur Reformation. Wie müssen wir uns das Leben in unserem Dorf vor 800 Jahren vorstellen?(10) Vermutlich gab es noch kein Haus, das oberirdisch aus Stein erbaut war, vielleicht mit Ausnahme der Martinskapelle. Wie die alten Behausungen aussahen, können wir noch an den ältesten Bauernhäusern im Freilandmuseum von Bad Windsheim studieren; Es waren Holz- oder Fachwerkbauten, in fränkischer Anordnung platziert: Wohnraum und Stall unter einem Dach, die Scheune im rechten Winkel daneben, so dass ein Geviert entstand. Ein Flechtzaun aus Weide oder Haselnuss trennte die Gehöfte voneinander. Vielleicht war das Dorf mit einen „Etter", einer Art Dorfzaun, der die größeren Tiere des Waldes fernhielt, eingefasst. Zum Haus gehörte ein Gärtchen, das wohl unseren heutigen Bauerngärtchen ähnlich sah. Die Dörfer waren autark, jedes hatte seine Schmiede, ein Schlachthaus und vielleicht sogar ein Badhaus und eine Art Wirtshaus. Auch eine Mühle gab es wohl schon, die hiesige dürfte schon immer am oberen Ortsrand betrieben worden sein. Ob es auch einen Dorfteich gab? Zum Feuerlöschen hätte er gute Dienste getan, denn man lebte in den Häusern gefährlich, brandgefährlich. Die Feuerstellen in den Wohnhäusern waren offen, Herde mit Ofenrohr gab es noch nicht, und alles war aus Holz. Immer wieder, vor allem in Kriegszeiten, wurden ganze Dörfer ein Raub der Flammen. Brandstifter hatten leichtes Spiel. Aber Brände wurden damals noch nicht als vernichtende Katastrophe erlebt wie heute, denn ein Holzhaus, auch ein Fachwerkbau, war schnell wieder aufgebaut. Verbindliche Bauordnungen gab es noch nicht. Die Häuser wurden da hingestellt, wo es praktisch war, groß und klein durcheinander. Unser Dorf hatte wahrscheinlich zwei Siedlungskerne. Ein Dorfteil, mit einem Amtshaus des Klosters Münchsteinach und einem klösterlichen Gutshof, lag in der Nachbarschaft der Martinskirche. Älter ist wohl der Siedlungsbezirk auf der westlichen Seite der Steinach, an der heutigen Blumenstraße kurz vor dem alten Aufstieg zum Stübacher Berg. Die Mühle lag dazwischen. Damals waren in unserer Gegend die Bauern (noch) relativ frei. Sie entrichteten dem Kloster den Zehnten, dafür wurde ihnen eine gewisse Rechtssicherheit gewährt, die man freilich nicht allzu hoch ansetzen sollte. Vor Überfällen marodierender Banden oder vor Diebsgesindel - neben den Unbilden der Witterung die größten Gefahren - mussten sich die Dorfbewohner selber schützen. Dazu half ihnen wohl auch die alte Kirchhofsmauer, in deren Bezirk im Mittelalter offenbar keine Toten bestattet worden sind. Schriftlich fixiertes Recht gab es für die Untertanen kaum, es konnte auch nicht eingeklagt werden. Das letzte Wort in Rechtsfragen, auch wenn es um Leben und Tod ging, hatte der Grundherr, und das war für die meisten Höfe der Abt von Münchsteinach. Die Dorfgemeinschaft war „ein abgeschlossener und schon recht weit entwickelter Wirtschafts- und Sozialverband, der auch beachtliche Selbstverwaltungsaufgaben wahrnahm und löste. Man kommt regelmäßig zusammen, um über Fortschritte, Regeln und Erfahrungen der Landwirtschaft, auch über Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Geräte usw. zu sprechen"(11). Fortschritt auf dem Dorf, das hieß: Erleichterung der harten Arbeit und Erhöhung des Ertrags. Die Dortkultur war in ständiger Entwicklung. Allmählich setzte sich die Dreifelderwirtschaft durch. Schon seit längerem war nördlich der Alpen der schwere Räderpflug in Gebrauch, der den Boden tiefer lockern konnte. Gerade war ein neues Geschirr für Zugtiere erfunden worden. Die Sense wurde modernisiert. Auch der Dreschflegel gehörte zu den Neuerungen der Zeit. So konservativ, wie man ihnen gerne nachsagt, waren jedenfalls damals unsere Dörfer nicht. Bis ins Hochmittelalter war unsere Heimat eine reine Agrarlandschaft. Etwa ab 1200 gewannen in Mitteleuropa auch die Städte an Bedeutung. Einige, wie in unserer Gegend Würzburg und Schweinfurt, konnten schon auf ein gewisses Alter zurückblicken. Vom späten 12. Jahrhundert an schössen sie wie Pilze aus dem Boden. Nur bei einigen ist das Datum der Stadtwerdung bekannt, häufiger vollzieht sich die Entwicklung einer Ansiedlung zur Stadt allmählich. Stadt, das hieß: es gibt einen Markt, es gibt städtische Berufe und eine Bürgerschaft, die sich aus der Abhängigkeit von ihren Grundherrn mehr oder weniger lösen konnte. In Mittelfranken stehen die Städte besonders dicht beieinander. Nürnberg, 1050 zum ersten Mal urkundlich fassbar, und Schweinfurt, der Sitz eines bedeutenden, im 13. Jahrhundert in männlicher Einie ausgestorbenen Grafengeschlechts, machen den Anfang. Bald folgen in kurzen Abständen Nördlin-gen, Dinkelsbühl, Crailsheim, Rothenburg o.T. und andere. In unserem engeren Raum entstehen die Städte Ansbach, Uffenheim, Windsheim, Scheinfeld, Höchstadt und relativ spät auch Neustadt an der Aisch, das als westlicher Stützpunkt der nach Cadolzburg umgezogenen Nürnberger Burggrafen ausgebaut wurde. Früh schon lernt die Dorfbevölkerung den Unterschied zwischen Dorf und Stadt kennen: das schutzlose, unsichere, traditionsgebundene Dorf, in dem „nichts los ist", mit seiner vom Grundherrn abhängigen Bevölkerung, und die Stadt als den Ort persönlicher Freiheit und relativer Rechtssicherheit, einer Vielfalt von ganz neuen, eben städtischen Berufen, privilegiert durch einen Markt, der den Handel anzog. Viele nachgeborene Bauernsöhne und ihre Schwestern zog es damals in die Stadt, weil sie teilhaben wollten an den Vorteilen, die diese ihnen bot. Aber auch das Bauerntum entwickelt sein Selbstbewusstsein. Die mittelalterlichen Bauern wissen, dass die Stadt auf sie angewiesen ist. Sie bilden das Fundament, das alles trägt: „Sie baun des Feldes Früchte an, ohn' die kein Mensch nicht leben kann", heißt es in einem alten Vers. 7) Andreas DEININGER, Geschichtliche Nachrichten von Gutenstetten, Neustadt a.d. Aisch o.J.     [1895], S. 4. 8) Italo BACIGALUPO, Gutenstetten und Reinhardshofen, in: Evang.- Luth. Dekanat Neustadt     an der Aisch, Erlangen 1986, S. 63. 9) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 4. 10) Es gibt natürlich keine Schilderung der Verhältnisse von Gutenstetten um 1200,     wir beziehen uns hier auf Otto BORST, Alltagsleben im Mittelalter, Frankfurt/Main     1983, hier insb. das Kapitel „Der tumbe Gebür", S. 111 ff. 11) BORST, Alltagsleben, S. 112 f. Zwischen Bischof, Burggral und Abt: von 1200 bis 1500 Die Gründung des Benediktinerklosters Münchsteinach im Jahr 1139 veränderte in unserem Raum die Herrschaftsverhältnisse. Der Grundherr von (Münch-) Steinach, Adalbero de Steinahe, wollte gemeinsam mit seiner unverheirateten Schwester in den geistlichen Stand treten. Sie gründeten hier ein Kloster, das sie unter den Schutz des Bischofs von Würzburg stellten. Näheres über die Umwandlung dieses weltlichen in einen geistlichen Besitz ist nicht bekannt. Der erste Abt hieß Hartmann(12) Klosteranlage von Münchsteinch (aus Chr. Haag, Kloster Münchsteinach, in: Die heimat, Beilage zum Neustädter Anzeigeblatt, Nr.37/1933)                                   Das Kloster Heute Nun muss unser Dorf seine beherrschende Rolle im Steinachtal an das neue Kloster abtreten. Der Bischof von Würzburg hatte das Kloster ausreichend mit Gütern auszustatten. Dabei scheint er ausgiebig im Nachbardorf Gutenstetten zugegriffen zu haben, wo er offenbar ererbte Rechte hatte. Jedenfalls befindet sich bald ein Großteil der Gutenstettener Güter im Besitz des Klosters. Das Schicksal unseres Dorfes ist von nun an eng mit dem des Klosters verbunden. Der Würzburger Bischof teilte zunächst sein Beschützeramt (Vogtamt) über das Kloster mit dem deutschen König, dem Grundherrn des fränkischen Reichslandes. Solche Verdoppelungen der Schutz- oder Vogteirechte gab es damals öfters, sie konkurrierten offenbar nicht miteinander („Vogtei" bedeutete Aufsichtsrecht und Schutzpflicht, also im damaligen Sinn weltliche Herrschaft). Zu Spannungen kam es, als die Zollern die Burggrafschaft Nürnberg geerbt hatten. Im Zuge ihrer Politik der Gebietserweiterung nach Westen gelang es ihnen, sich die Vogteirechte über Münchsteinach von Konradin, dem letzten Stauferkönig, übertragen zu lassen, was König Rudolf von Habsburg 1273 bestätigte. Der Bischof von Würzburg aber wollte keinesfalls auf seine Vogteirechte über Münchsteinach verzichten. Dabei bedienten sich die streitenden Parteien typisch mittelalterlicher Waffen: sie zeigten Rechtsurkunden vor, wobei sie vor Fälschungen und Verdrehungen zu eigenen Gunsten nicht zurückschreckten. Wir können das Hin und Her der Auseinandersetzungen, die mehr als zweihundert Jahre währten, hier nur in groben Zügen nachzeichnen. Genau besehen waren drei Partner daran beteiligt, denn der Abt von Münchsteinach verfolgte zwischen den beiden Kontrahenten auch eigene Interessen, und gerade diese scheinen den Streit über so lange Zeit am Kochen gehalten zu haben. Er kämpfte um ein möglichst hohes Maß von Unabhängigkeit. So versucht er, aus der Schutzzusage des deutschen Königs die Rechte eines reichsunmittelbaren Klosters abzuleiten, das weder dem Bischof von Würzburg noch dem Burggrafen von Nürnberg verpflichtet wäre. Zu diesem Zweck hat man in der Schreibstube des Klosters offenbar mindestens zwei Urkunden umgeschrieben: Die Gründungs-urkunde des Klosters, die wir nur in einer wesentlich später entstandenen, offensichtlich im obigen Sinn überarbeiteten Abschrift kennen, und eine angeblich von Friedrich Barbarossa 1181 ausgestellte Urkunde, in der dem Kloster Münchsteinach diese ersehnte Unabhängigkeit von geistlichen und weltlichen Herrn in Aussicht gestellt wird. Mit diesen Urkunden operiert Münchsteinach in den folgenden Jahren nach beiden Seiten. Zur rechtlichen Untermauerung seiner Ansprüche schaltet der Abt sogar den Papst ein. Der schickt unter dem 1. April 1289 einen Brief nach Münchsteinach, in dem er „nicht nur alle päpstlichen Freiheiten und Immunitäten, sondern auch die Exemption [Befreiung] von weltlichen Steuern" bestätigt(13), die dem Kloster von Königen und anderen Fürsten verliehen worden waren. Hier der Brief in Auszügen: „Papst Nikolaus, Diener der Diener des Herrn, sendet den lieben Söhnen, dem Abt und Konvent des Benediktinerklosters Steinach, Diözese Würzburg, seinen Gruß und apostolischen Segen. Da von uns erbeten wird, was gerecht und ehrenhaft ist, erfordert die Kraft der Gerechtigkeit wie die Ordnung der Vernunftt, dass dies durch die Sorgfalt unseres Amtes nach Schuldigkeit verwirklicht werde. Deswegen ... kommen wir eueren gerechten Forderungen in freundlicher Zustimmung entgegen und bestätigen alle Freiheiten und Befreiungen und Freikaufungen, die von unseren Vorgängern, den römischen Päpsten, durch Privilegien oder andere Gunstbeweise euch und eurem Kloster zugestanden worden sind, und ebenso die Freiheiten und Freikaufungen von weltlichen Forderungen durch König, Fürsten oder andere an Christus Glaubende, die euch oder dem Kloster durch Erlass zugestanden wurden... Niemandem also unter den Menschen sei es erlaubt, dieses Blatt unserer Bestätigung zu brechen oder durch leichtfertiges Wagnis dagegen anzugehen. Wenn aber einer es unternommen hat, dies zu versuchen, so wisse er, dass der Zorn des allmächtigen Gottes und seiner seligen Apostel Peter und Paul über ihn kommen wird. "(14) Sein eigentliches Ziel erreicht das Kloster nicht. Im Grunde bestätigt der Brief die bestehenden Verhältnisse. „Münchsteinach hat nicht die Kraft besessen, auf Grund seiner zweifelhaften Vogteirechte die Reichsunmittelbarkeit anzustreben; das Kloster hatte für sich allein keine Aussicht, dem Machtstreben der Markgrafen mit Erfolg zu begegnen. Der Widerstand wurde vielmehr vom geistlichen Schutzherrn, dem Bischof von Würzburg, getragen, er erlahmte aber sichtlich nach dessen Auseinandersetzung mit dem Markgrafen Albrecht Achilles."(15) Noch einige Jahrzehnte zog sich der Streit zwischen den beiden Territorial-herren hin. Am Ende konnten die Burggrafen (die späteren Markgrafen) sich durchsetzen und behielten die Vogtei über das Kloster. Mit dem Schiedsspruch von Nürnberg 1405 gaben sich beide Parteien mit einem Kompromiss zufrieden: „Die Rechte des Bischofs [von Würzburg] seien geistlicher Natur, dem Burggrafen stünde der weltliche Schirm zu", Münchsteinach wurde burggräflich. Aber es dauerte noch Jahrzehnte, bis sich die Verhältnisse dem nunmehr gültigen Recht angepasst hatten. Wir Heutigen wundern uns über die Hartnäckigkeit, mit der dieser Streit geführt "wurde, bis dahin, dass der Würzburger Bischof den Burggrafen Friedrich III. nach dem genannten Papstbrief exkommunizierte. Münchsteinach gilt schon damals in unserer Region als ein armes Kloster. Aber es ging um Grundsätz-licheres. Damals fokussierten sich im Streit um Münchsteinach die konkurrieren-den Interessen des Würzburger Bischofs und des Burggrafen. Der Bischof versuchte, seine Macht nach Osten auszudehnen, wo die Grenzen noch nicht eindeutig festlagen. Eindeutiger lässt sich das Streben der Zollern festmachen, ihre verstreut liegenden ererbten Besitztümer im Nürnberger Westen zu einem geschlossenen Territorium zusammenführen. Diesem Zweck dienten der Ausbau der „Niwen Stat" von Riedfeld in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und die Stiftung eines Zisterzienserinnenklosters in Birkenfeld. „Es war naheliegend, dass sie ihr Auge auch auf das nahe Münchsteinach warfen"(16). Um diese und andere markgräfliche Begehrlichkeiten ging es auch in den sog. Markgräflerkriegen, die hundert Jahre lang viel Not und Leid in unsere Gegend brachten. 12) Gerhard PFEIFFER, Die Rechtsstellung des Klosters Münchsteinach, in:       Jahrbuch für fränkisch« Landesforschung 23 (1963), S. 255 ff. Auf diesen Aufsatz beziehen wir       uns auch im Folgenden 13) PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 260. 14) Text bei PFEIFFER, Rechtsstellung, Beilage 6, Übersetzung aus dem Lateinischen       von Dr. Dietei Geißendörfer. 15 PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 279. 16 Ebenda. Markt für ein halbes JahrAuf dem Hintergrund dieser Rivalitäten müssen wir auch ein Ereignis sehen, das für Gutenstetten bedeutsam war, auch wenn wir von ihm nur spärliche Kunde haben: Gutenstetten ist 1234 Marktort. Wann genau hier das Marktkreuz aufgerichtet wurde und woher die Idee dazu kam, wissen wir nicht, es existiert nur die Urkunde, in der (der staufische) König Heinrich VII. am 21. November 1234 anordnete, das Marktkreuz wieder zu entfernen(17). Waren das nur hoheitliche Akte des Herrschers oder war an der Erteilung der Marktwürde auch dörfliches Selbstbewusstsein mit im Spiel? Die Quellen geben keine Auskunft darüber, wer die Aktion betrieben oder unterstützt hat. Manche vermuteten, dass auch die Schultheißen der näheren Umgebung daran interessiert waren, Gutenstetten zu einem Mittelpunktsdorf aufzuwerten. Eine darauf gerichtete Anfrage in Nürnberg beim Reichsbutigler Konrad von Kürenberg, königlicher Verwalter des Reichsguts im Umkreis der Reichsstadt, scheint erfolgreich gewesen zu sein(18). Die äußeren Voraussetzungen für einen Markt an diesem Ort waren ja nicht ungünstig: An der Grenze des Münchsteinacher Klostergebietes, am Ausgang des Steinachtales gelegen, durch hier kreuzende Handelsstraßen dem Fernverkehr erreichbar - und was aus Riedfeld/Neustadt werden würde, war noch nicht entschieden. Märkte hatten im Mittelalter eine wichtige Bedeutung. Sie brachten nicht nur Einnahmen, sie strukturierten auch die Umgebung, indem sie den umliegenden Dörfern die Möglichkeit boten, hier ihre Produkte zu verkaufen und all die Güter einzukaufen, die über den täglichen Bedarf hinausgingen. Aber der Ort konnte sich seiner neuen Würde nur wenige Monate erfreuen. Noch vor Ablauf des Jahres hob der König das Privileg wieder auf. „Auf Beschwerde der Städte" sei das Marktzeichen entfernt worden, so notiert genau 600 Jahre später das Gutenstettener Pfarrbuch.(19) Wir denken dabei sofort an Konkurrenzängste des eben im Entstehen begriffenen burggräflichen Neustadt. Es dürften aber auch übergeordnete Gründe eine Rolle gespielt haben. Nach dem Wortlaut der Urkunde legte der fränkische König sein Veto ein gegen den Versuch der umliegenden Gemeinden, die Rechte des Bischofs von Würzburg zu beschneiden(20). Demnach war es das Anliegen des obersten Lehensherrn, alle Störungen des sensiblen Gleichgewichts in seinem Königsland zu vermeiden. Damals sah er offenbar die Macht des Bischofs von Würzburg -das Bistum war ja Herzogtum in seinem Königsland! - gefährdet, denn gleichzeitig ordnete der König an, dass auch andernorts, z.B. in Schweinfurt und Windsheim, die alten Rechte und Befugnisse des Bischofs von Würzburg wiederhergestellt werden(21). Genau lassen sich die Hintergründe jener Vorgänge - wer wollte Gutenstetten zum Markt erheben, wer wollte es verhindern? - nicht mehr aufklären. Jedenfalls ließen die Verhältnisse einen Markt Gutenstetten nicht mehr zu. Das Kloster Münchsteinach war im Begriff, seinen Einfluss Steinach-abwärts auszudehnen. Herr im Steinachgrund war nicht mehr ein dem König lehenspflichtiger „Graf de Steinahe", sondern die Kirche, vertreten durch den Bischof von Würzburg und den Abt von Münchsteinach. Gutenstetten verlor damals seine Sonderstellung unter den Dörfern der Gegend. Bald gerät es unter die Dachsbacher Herrschaft der Öttinger und seit 1280 zusammen mit dieser unter die der Burggrafen von Nürnberg. 17) Staatsarchiv Bamberg, MoNUMENTA BoiCA 30 a/725, vgl. auch PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 259. 18) Max DÖLLNER, Kleine Mitteilungen aus der Heimatgeschichte. Feuilletonistische       Ergänzungen zur Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt a. d. Aisch, Neustadt a. d.       Aisch o.J., S. 45. 19) Johann Adam DÖDERLEIN, Pfarrbuch der Gemeinde Gutenstetten. 20) PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 259. 21) SPINDLER, Handbuch, S. 267.Kriege im 15. JahrhundertEs ist für einen Nichtfachmann schwierig, die vielerlei Streitigkeiten und Kriege, die unseren Raum im 15. Jahrhundert heimsuchten, auseinander zu halten. Der Nürnberger Burggraf und nunmehrige Markgraf von Brandenburg war einer der aktivsten, aber auch ungeduldigsten Fürsten des Reiches. Nach dem Verkauf der bereits ruinösen Burggrafenburg an die Stadt, 1429, widmete er sich vor allem landesherrlichen Aufgaben. Um in seinen fränkischen Besitzungen seine Rechte auszubauen, kämpfte er an vielen Fronten gleichzeitig. Mit dem benachbarten Bistum Würzburg lag er ohnehin im Dauerstreit um die Macht. Daneben muss er sich gegen die um ihre Selbstständigkeit besorgten fränkischen Städte durchsetzen. Auch gegen die „Raubritter" hat er zu kämpfen, nicht so sehr aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag des Königs, denn sie bedrohen die Sicherheit der Handelswege. Und dann sind da noch die Hus-siten, die auch unsere Gegend beunruhigten. Ziemlich viel auf einmal! Zunächst zu den Raubrittern: Kleine Eandadelige, die ihre Burgen in der Nähe von Handelswegen angelegt hatten, ergriffen während der chaotischen Zeit des Interregnums, Mitte des 13. Jahrhunderts, ihre Chance und versuchten, am wachsenden Fernhandel sich einen Anteil zu verschaffen. Auch sie wollten teilhaben an dem Reichtum, der da in schwerbepackten Handelsfuhrwerken fast täglich unter ihren Burgen vorbeizog. Sie wurden zu Wegelagerern und führten auch Raubzüge in die Umgebung. Von den „Nestern" der Raubritter, oft respektable Burgen, lagen viele in unserer Gegend. Bis heute erzählen sich die Nürnberger die abenteuerlichen Geschichten von einem besonders dreisten Vertreter dieser Zunft, dem Eppelein von Gailingen. Er stammte aus unserer Nachbarschaft. In der örtlichen Überlieferung gelten die Mauern auf einer Höhe zwischen Emskirchen und Buchklingen als Überreste seiner Burg. Seine Verwandtschaft, die Gailings, besaß im fränkischen Raum mehrere Schlösser, eines steht noch heute in Illesheim. In den Städten steigerten sich Angst und Wut. Sie empfanden das Raubrittertum als empfindliche Störung eines freien Handels und wehrten sich auf verschiedene Weise. Sie versuchten, die „Raubhäuser" auszuräuchern. Das Problem dabei war, dass die Landesfürsten, bei uns also die längst nicht mehr über Nürnberg gebietenden Burggrafen, eine klammheimliche Freude an den Erfolgen der Raubritter hatten, weil auch ihnen die selbstständigen Reichsstädte ein Dorn im Auge waren. Dem seit 1273 wieder amtierenden deutschen König musste aber schon von Amts wegen die Ordnung im Reich Herzensanliegen sein. Deshalb wies er den Burggrafen an, und zwar mehrmals, die Städte in ihrem Kampf gegen die Raubritter zu unterstützen. Er wurde beauftragt, den Geleitschutz der Handelszüge im fränkischen Raum zu übernehmen, was er dann auch halbherzig tat. Das war zwischen 1350 und 1390. Die Städte schlössen auch selbst untereinander Vereinbarungen über bewaffnete Begleitung ihrer Handelszüge. Ausgerottet wurde das Raubrittertum aber damit nicht. Noch kurz vor der Reformation wohnten in unserer Gegend Raubritter, Schloss Brunn war einer ihrer späten Sitze. Markgraf Kasimir bereitete ihrem Treiben 1523 ein Ende, als er 26 ihrer Burgen zerstörte(22). Im sog. 1. Markgräflerkrieg eskalierte der Konflikt zwischen Landesfürst und Städten zum ersten Mal zur blutigen Auseinandersetzung. Den Krieg hatte Markgraf Albrecht Achilles angezettelt. Seinem Ziel, „die fränkischen Besitzungen seines Hauses zu einem geschlossenen Territorium auszubauen, die fränkischen Bistümer Würzburg, Bamberg und Eichstätt seinem Einfluss zu unterwerfen und auf diese Weise ein geschlossenes ,Herzogtum Franken' zu errichten"23, standen vor allem die Städte, aber auch der Würzburger Bischof, entgegen. Sie sahen in der ehrgeizigen Politik des Zollerischen Fürstentums ihre eigene Entwicklung gefährdet. 31 süddeutsche Städte schlössen sich unter der Führung der Stadt Nürnberg und unter Assistenz der fränkischen geistlichen Fürsten einen Bund. In fünfjährigem Ringen (1448-1453) konnte sich der Städtebund gegen Markgraf Albrecht behaupten, und so blieb die Machtverteilung in Franken, wie sie war. Die Auseinandersetzung war ein Kleinkrieg, eher ein gegenseitiges Piesacken als ein offener Kampf. Vor allem die Dörfer hatten darunter zu leiden. Trotz des anders lautenden Schiedsspruchs von Nürnberg von 1405 sehen wir das Kloster Münchsteinach wieder auf der Seite des Würzburger Bischofs und damit des Städtebundes. Der Abt, aus Sorge, die Truppen des Markgrafen könnten das Kloster stürmen, deponierte dessen gesamte Barschaft im Würzburger Stephanskloster. Schließlich kam Münchsteinach mit einem blauen Auge davon, aber das Klosterdorf Gutenstetten wurde von einem markgräflichen Haufen geplündert. Im Bayerischen Staatsarchiv Bamberg finden sich zwei Schriftsätze aus jenen Tagen, datiert auf den 7. 9. und 2.10.1446, in denen Bischof Gottfried von Würzburg die Wiedergutmachung des Schadens fordert, den die markgräflichen Reiter Kubarn, Scheyt und Heintz von Luchau „bei Raub und Plünderung in den zwei Dörfern des Closters Steinach, nämlich Tuttenstetin und Kleinsteinach, angerichtet haben"(24). Der dritte Krieg, in den die Zollern verwickelt waren, der Hussitensturm, hat unser Umland offenbar nicht erreicht, aber doch gestreift und in Angst versetzt. Anton Sorg: Jan Hus wird verbrannt und seine Asche in den Rhein gestreut, 1483; Blatt 34, aus der Chronik des Ulrich Richenthal über "Das Concilium so zu Constantz gehalten ist worden, des jars 1413", Augsburg, 1536Als Jan (Johannes) Hus, der Prager Universitätsprofessor und Volksprediger, auf den die böhmischen Tschechen so große Hoffnungen gesetzt hatten, 1415 auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt worden war, hatten seine Anhänger Grund, um ihre politischen und religiösen Freiheiten zu fürchten und griffen präventiv ihre wahrscheinlichen Bedroher an. Diesen Angriff hielten sie offenbar für die beste Verteidigung. Seit 1415 kam es zu Kriegshandlungen, 1520 rief der Papst zu einem Kreuzzug gegen die Hussiten auf. Damit wurde der Hussitenkrieg zum gesamt abendländischen Unternehmen. Kaiser Sigismund, der als Habsburger auch König von Böhmen war, war besorgt, die Hussiten könnten ihm sein Recht auf die böhmischen Lande streitig machen. Zudem konnte er sich als Deutscher Kaiser dem Aufruf zum Heiligen Krieg nur schwer entziehen. 1417 betraute er den neuen brandenburgisch -fränki-schen Markgrafen Friedrich mit dem Kommando im Kampf gegen die Hussiten. Diese aber besiegten das kaiserliche Heer. Nun trugen sie den Krieg über die Grenzen Böhmens hinaus. Im Jahr 1428 führten sie einen Raubzug durch Sachsen und kamen bis vor die Tore von Nürnberg. Viele Kirchen des Bayreuther Landes wurden zerstört. Man nimmt heute an, dass sie auch in den unteren Aischgrund vordrangen, aber ganz sicher kamen sie nicht bis Riedfeld und Birkenfeld, wie DEININGER behauptet25. Durch Zahlung von 9000 Gulden konnte der Markgraf sein Land vor weiterer Verwüstung bewahren. Außerhalb unseres Gebietes zogen sich die Kämpfe noch Jahre hin, zeitweise kämpften die in sich zerstrittenen hussitischen Flügel auch gegeneinander. Erst der Friedens-schluss von Kuttenberg in Böhmen 1485 machte dem Krieg ein Ende. Die dauernde Kriegsgefahr mag die Bewohner unseres Dorfes veranlasst haben, ihre Kirche mit einer neuen, festeren Umfriedung auszustatten. 1436 „erlaubt", wie DEININGER formuliert, der Bischof Johannes von Würzburg den Gutenstettenern, ihren „allzugroßen Kirchhof zu verkleinern und mit einer starken Mauer zu umgeben"(26) „...die enger war und zur Wehr gegen Feinde und Anfälle geeignet" (Münchsteinacher Pfarrchronik). Möglicherweise war reiner Selbstschutz das Motiv, der Bau könnte aber auch mit einem Streit zwischen dem Bischof von Würzburg und dem Burggrafen von Nürnberg, seit 1416 Markgraf von Brandenburg, in Zusammenhang stehen, in den der Erzbischof von Mainz, 1421 schlichtend eingriff. Dabei war es auch um Münchsteinacher Rechte gegangen. Wenige Jahre später ließ der Bischof die festungsartige Friedhofsmauer in Gutenstetten errichten. Der Markgraf könnte dieses Unterfangen als „eine deutliche Kampfansage" des Bischofs von Würzburg an ihn gedeutet haben27. Jedenfalls reagierte er prompt. Er tat kund, dass er „die armen Lüt zu Pawtenbach [Baudenbach]" schützen und schirmen wolle, d.h. er kündigt an, das Klosterdorf Baudenbach zu besetzen. Gutenstetten als Festung gegen die Zollern? DEININGER schreibt: „Die Mauer steht heute noch und hat eine Stärke von mehr als drei Schuhen. Der westliche Torbogen ist noch ganz in seiner ursprünglichen Bauart erhalten, auch die Offnungen in der Mauer, in welche die Rammbolzen zum besseren Widerstand der Tore eingeschoben wurden, sind noch in ursprünglichem Zustande".(28) So ist es auch heute noch. Siebzehn Meter der Vorgängermauer lassen sich rund 100 m östlich der Kirche noch besichtigen. In diese unruhige Zeit fällt auch die in Gutenstetten bis heute erzählte lebendige Flucht des Gutenstettener Dekans Konrad Bruckner nach Ebrach. Gemäß einer Notiz im hiesigen Pfarrbuch von 1834 hat er sich im Jahr 1442 dorthin in Sicherheit gebracht, unter Mitnahme aller Akten und Unterlagen. Die Motive für diese eigenartige Unternehmung kennen wir nicht. Das Gutenstettener Pfarrbuch vermutet, jener Dekan wollte vorbeugen, dass die Urkunden „nicht den Mordbrennern und Räubern in die Hände... fallen". Die Zeiten waren gefährlich damals. Der Dekan könnte auch vor den Raubzügen markgräflicher Söldner Angst gehabt haben, denn um die gleiche Zeit brachte auch der Münchsteinacher Abt das Barvermögen seines Klosters vor dem Markgrafen in Sicherheit nach Würzburg. Jedenfalls blieben die „Akten" in Ebrach und sind verschollen. Seit jeher vermutet man, sie hätten sich vor allem auf die verbrieften Rechte der alten St. Martins-Kapelle bezogen. DEININGER schreibt darüber sehr ausführlich(29). Der Verdacht, Gutenstetten sei damals von Ebrach hintergangen worden, begleitet die Gutenstettener Überlieferung durch die Jahrhunderte bis heute. Zum „Beweis" wird von DEININGER der Bericht über ein Gespräch herangezogen, das 1745, also mehr als dreihundert Jahre später, zwischen dem damaligen Ortspfarrer Küffner, dem Münchsteinacher Klosteramtsverwalter und einem „Religiösen", also einem Zisterzienser-Mönch aus Ebrach, geführt wurde. Letzterer habe dabei mit Blick auf die inzwischen zur Pfarrscheune heruntergekommene Martinskapelle die geheimnisvollen Worte gesprochen: „Du gute Kapelle, wüsstest du, was ich weiß, es sollte dich um vieles helfen". Diesen Ausruf habe der Klosteramtsverwalter bestätigt: „Ich glaube, dass ich dieses Jahres im Amt zu Münchsteinach viel verrechnen muss, was zu dieser Kapelle gehört hat." Küffner nennt in seinem Bericht unterstreichend einige Rechte, die nach seiner Erinnerung der Martinskapelle noch in den letzten Jahren verlorengegangen seien(30). DEININGER weiß dazu noch folgendes: „Einem Gesuch der Gemeindeverwaltung Gutenstetten vom 17. Februar 1858 um Einblick in die Saal- und Eagebücher des Klosteramtes Münchsteinach aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert in den Archiven wurde von zuständiger Behörde die Genehmigung nicht erteilt"(31). Eine Verschwörung? Und Münchsteinach steckte mit drin? Wer aber sollte davon einen Vorteil haben? Unwahrscheinlich, dass die Forschung hierzu noch Neues zu Tage fördern wird. Es sei denn, irgendwann einmal führte wieder ein Kommissar Zufall Regie. Rechtliche Konsequenzen würden sich daraus aber mit Sicherheit nicht mehr ergeben. Mit dem Frieden von Nürnberg 1471 wurden die Streitigkeiten zwischen Würzburg und Nürnberg um die Vogteirechte über das Kloster Münchsteinach beigelegt: Gutenstetten ist endgültig markgräflich geworden. Die Rechte des Markgrafen über das Kloster werden nicht mehr angefochten. 22 Max DÖLLNER, Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933, Neustadt an       der Aisch 1950, S. 60. 23 Bruno GEBHARDT, Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Auflage, Stuttgart o.J.,       Bd. l, S. 675. 24 Bayer. Staatsarchiv Bamberg, Rep. C 3, Nr. 1471. 25 DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 6. 26 Ebenda. 27 PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 262 f. 28 DEININGER, Geschichtliche Nachrichten. 29 DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 6, S. 22. 30 Pfarrarchiv Gutenstetten Nr. 120, f. 35 - 42, nacherzählt von Andreas DEININGER, in: „Die Heimat",        Nr. 43, vom 2.11.1927. 31 DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 22 f. Gutenstetten als Dekanat?Hartnäckig hält sich bis heute auch ein anderes Gerücht: Unser Dorf sei vor der Reformation Sitz eines Dekanats gewesen. Die Behauptung findet sich bis zum heutigen Tag in historischen Berichten und Untersuchungen, vom Pfarrbuch von 1834 bis zu Wolf gang MüCKS Darstellung der Geschichte von Neustadt a.d.Aisch(32). Auch DÖLLNER nimmt sie für bare Münze. Er schreibt: „In der kirchlichen Einteilung hat der rührige Ort auch bald Bedeutung gewonnen als Sitz eines Dekans"(33).Als Belege für diese Behauptung dienen immer die gleichen drei Überlieferungsstränge: 1. Ein Dechant Bernher von Gutenstetten erscheint 1314 als Mitunterzeichner einer Urkunde. 2. Der Abt von Münchsteinach trifft 1442 die Anordnung, dass der Pfarrer des damals vom Pfarrsprengel Gutenstetten abgetrennten Dorfes Leim-pach [Unterlaimbach] an der „Synode" in Gutenstetten zu erscheinen und hier jährlich... eine Messe zu lesen habe(34). 3. Der 1446 nach Ebrach mit den Gutenstettener Akten geflohene Konrad Bruckner ist uns aus mehreren Urkunden als „Dekan in Gutenstetten" bekannt. An den Angaben selbst wollen wir nicht zweifeln, aber sie taugen nicht zum Nachweis der Existenz eines Dekanats Gutenstetten. Zudem sind sie mit gesicherten anderen historischen Erkenntnissen nicht zu vereinbaren. Aus folgenden Gründen: Über die Einteilung und die „Sitze" der mittelalterlichen Landdekanate im Bistum Würzburg, zu dem auch Gutenstetten gehörte, sind wir aus alten Quellen ganz gut unterrichtet. Ein Dekanat oder Subdekanat Gutenstetten taucht nirgends auf. In der Mitte des 15. Jahrhunderts gehört der Ort nachweislich zum hundert Jahre vorher aus dem Dekanat Iphofen ausgegliederten Eandde-kanat Schlüsselfeld(35). Der Pfarrsprengel von Gutenstetten war seit alters ziemlich groß: Unterlaimbach gehörte bis zum Ausgang des Mittelalters dazu, ferner die heutigen Pfarreien Baudenbach, Obersteinbach, Gerhardshofen und Münchsteinach (ohne den Klosterbezirk), „das sich erst mit der Reformation als selbstständige Pfarrei für den Bereich außerhalb des Klosters konstituierte"(36). Aber für ein mittelalterliches Dekanat war dieser Sprengel mit seinen drei, höchstens vier späteren Pfarreien doch beträchtlich zu klein. Man kann noch hinzufügen, dass in den Unterlagen der Kirchenvisitation von 1528 nicht die geringste Andeutung enthalten ist, die auf einen besonderen Rang des Pfarrers von Gutenstetten vor den anderen vorgeladenen Pfarrern schließen lässt(37). Damit wird auch die häufig geäußerte Behauptung hinfällig, der Sitz des Dekanats sei 1564 von Gutenstetten nach Neustadt verlegt worden. Die Gründung des Dekanats - später hieß es Superintendentur - Neustadt in jenem Jahr war ein hoheitlicher Akt des Markgrafen von Ansbach-Kulmbach und stand in keinem Organisationszusammenhang mit der katholischen Zeit. Das schließt einen Dekan in Gutenstetten im Mittelalter aber nicht aus, denn „m der Diözese Würzburg konnte jeder Pfarrer des Kapitels Dekan werden, er wurde vom Pfarrkapitel gewählt"(38). So könnte Dekan Konrad Bruckner durchaus dem Kapitel Schlüsselfeld und Dekan Bernher, gut hundert Jahre vorher, dem Kapitel Iphofen vorgestanden haben. Und bei der „Synode", auf der der Pfarrer von Unterlaimbach zu erscheinen hatte, dürfte es sich um eine Pfarrsprengelsynode gehandelt haben, also um die regelmäßige Zusammenkunft der Pfarrer des Gemeindesprengeis(39), Kapitelskonferenzen waren damals keine „Synoden". 32 MUCK, Wolfgang, Mitten in Franken: Neustadt an der Aisch, Neustadt an der Aisch 1999, S. 62. 33 DÖLLNER, Entwicklungsgeschichte, S. 45. 34 DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S.11. 35 Julius KRIEG, Die Landkapitel im Bistum Würzburg, Stuttgart 1923       (Nachdruck Amstderdam 1964), S. 41 36 Italo BACIGALUPO, Gutenstetten und Reinhardshofen, S. 55. 37 Karl SCHORNBAUM, Die erste Brandenburgische Kirchenvisitation 1528, Münchenl928. 38 KRIEG, Landkapitel, S. 53. 39 Vgl. Italo BACIGALUPO, Gutenstetten und Reinhardshofen, S. 62 f. Die Kirche St. Johannes der TäuferVor kurzem konnte unser Dorf den 500. Jahrestag seiner Kirchenweihe festlich begehen. Eine Pfarrkirche besaß Gutenstetten allerdings schon viel länger, gefeiert wurde jetzt die Weihe eines Neubaus. Was die Gemeinde vor 500 Jahren zum Bau einer neuen Kirche bewogen hat, wissen wir nicht mehr. Auch die Frage, warum hier von Anfang an ein vergleichsweise so aufwendiges Gebäude geplant war, kann nicht mehr schlüssig beantwortet werden. Vielleicht war die Kirche einfach zu klein geworden. Jedenfalls war Gutenstetten längst keine reiche Gemeinde mehr. Mit dem Bau wurde 1493 begonnen(40). Zunächst gingen die Bauarbeiten offenbar zügig voran. Am Pfeiler unter der Kanzel ist die Jahreszahl 1499 eingemeißelt. Wie im Mittelalter üblich, fing man mit dem Chor an, und der lag, wie meistens, im Osten. Er stellt bis heute mit seinem herrlichen Gewölbe und dem hohen Triumphbogen ein imponierendes Bauwerk dar. Aber bald ging der Gemeinde das Geld aus. Fertiggestellt war am Tag der Weihe, dem 16. Juni 1500, außer dem Chor mit dem Triumphbogen, nur noch ein halber Turm. Anlässlich der Kirchenweihe verkündete der Würzburger Weihbischof einen Ablass, der den Weiterbau finanzieren helfen sollte. 10 Jahre später ergeht ein Bettelbrief an die umliegenden Gemeinden, sie mögen die Vollendung des Kirchenbaus unterstützen. Wie weit reichten diese Mittel? Wer heute die Kirche betritt, merkt sofort, dass Kirchenschiff und Chor in der Höhe nicht zusammenpassen. Die Decke des Schiffes schneidet die Spitze des Triumphbogens an. Lange hat man vermutet, mit dem zusammengesammelten Geld sei eine wie auch immer gestaltete provisorische Lösung geschaffen worden, die knapp zweihundert Jahre später durch das heutige Schiff ersetzt wurde. Untersuchungen der Bausubstanz im Zusammenhang mit der letzten Kirchenrenovierung und das genaue Studium der alten Rechnungen ergaben aber, dass ein neues Schiff niemals gebaut wurde. Man nutzte die Mauern des Vorgängerbaus, also der alten Martinskapelle, als „provisorisches" Kirchenschiff. Provisorien haben manchmal ein langes Leben, dieses hat bis heute gehalten. Demnach lässt sich die Geschichte der Gutenstettener Kirche so rekonstruieren: Vermutlich war die Martinskapelle ursprünglich Pfarrkirche. Sie stand immer an der Stelle der heutigen Kirche. In einer alten Urkunde von 1090 wird eine adelige „Eigenkirche" in Gutenstetten erwähnt, die an das Hochstift Würzburg übergeht. Die Forschung hält sie für unsere Martinskirche. BACIGALUPO meint, dass nahebei eine dem hl. Johannes geweihte Taufkapelle existiert hat, die irgendwann einmal zur Gemeindekirche aufgewertet wurde. Das Täufer-Patrozinium wäre dann von der alten Taufkirche auf die heutige Kirche übertragen worden. Deren Standort vermutet BACIGALUPO etwa 50 Meter südlich der heutigen Kirche im oberen Bereich des Kirchenwegs, wo man 1979 auf „unidentifizierte Grundmauern" stieß(41). Sicher ist, dass 1483 die Martinskapelle dem geplanten Kirchenneubau weichen musste, genauer: Der Heilige zog in den Neubau um, der heute noch Martinskapelle heißt. Vielleicht nahm er auch einen alten Martinsaltar samt Reliquien mit. 1489 war die neue Martinskapelle fertiggestellt. Die nun ihres Zwecks entkleideten Mauern ließ man stehen. Sie wurden schließlich mit dem Neubau des Chores verbunden. Nach Westen hin wurde das alte Gemäuer um ein paar Meter verlängert, damit den Größenbedürfnissen der Gemeinde Genüge getan wurde. Gerne wüssten wir, warum die schon damals funktionslose Kapelle nicht einfach aus der Liste der Kirchen der Diözese gestrichen wurde, wie etwa die Martinskapelle in Schornweisach. Es muss dafür Gründe gegeben haben, die wir nicht mehr kennen. Es könnte sein, dass unsere Kapelle mit Rechten ausgestattet war, auf die maßgebliche Kreise nicht verzichten wollten. Nach der Reformation hatte der heilige Martin als Patron ausgedient, die Kapelle stand zunächst leer, überstand aber den 30-jährigen Krieg und wird seit 1672 „Pfarrscheune" genannt(42). Heute dient ihr westlicher Teil als Leichenhalle. Zunächst sollte die neue Kirche drei Patrone erhalten, Johannes den Täufer, möglicherweise Patron der alten Gemeindekirche, Maria und Laurentius, aber die beiden Mitpatrone setzten sich nicht durch. Mit dem Weiterbau ging es auch künftig nur zäh voran. Als 1573 die erste Glocke geweiht wurde, war der Turm immer noch ein Torso, halbwegs fertiggestellt war er 1610, vollendet wurde er nie. Man versah ihn mit einem provisorischen Pultdach, das der Turm heute noch trägt. Ein neues Kirchenschiff scheint nie ernsthaft geplant worden zu sein, selbst seine Erhöhung und Anpassung an den Chor wurde nicht ins Auge gefasst. Die alten Rechnungen belegen nur Reparaturen und kleinere Veränderungen. Ihr heutiges Aussehen erhielt die Kirche, abgesehen von der erst 1905 angebauten festungsartigen Westfassade, im Jahr 1717(43). Was der Kirche ihre weit über Franken hinaus reichende Anziehungskraft verleiht, ist der im Jahre 1511 hier aufgestellte prächtige Flügelaltar. Man fragt mit Recht: Wie kommt dieses bedeutende Kunstwerk in unsere einfache Dorfkirche? Diese Ur-Frage ist bis heute nicht zufriedenstellend geklärt. In einer anderen wichtigen Frage ist die Forschung inzwischen weitergekommen: Wer ist oder wer sind die Schöpfer dieses Altars? Man weiß zwar, dass der Maler der Bildtafeln auf der Rückseite seinen Namen hinterlassen hat, aber man kann ihn schon seit Jahrhunderten nicht mehr richtig lesen. Vor 200 Jahren glaubte man, die verblassten Schriftzeichen als „Jehen" entziffern zu können, aber ein Künstler dieses Namens ist sonst nicht bekannt. Den Zustand der Inschrift hat die fortschreitende Zeit natürlich nicht verbessert. Vor einigen Jahren hat Italo BACIGALUPO unseren Altar genauer untersucht. Er konnte einige Fragen lösen, zumindest hat er sie einer Lösung näher gebracht(44). Durch Anwendung eines neu entwickelten fotografischen Verfahrens konnte er den Namen des Meisters einigermaßen sicher entziffern und in der Kunstgeschichte einordnen. Nach seiner Analyse heißt der Maler der „Werktagsseite" Hanns Peham oder Peheim, der im Nürnberger Raum spärliche, aber eindeutige Spuren hinterlassen hat. Seine Gutenstettener Bildtafeln gelten schon lange als ein hervorragendes Werk, das der „Donauschule", einer damals modernen, also der Renaissance verpflichteten Richtung der Nürnberger Malerei, zuzurechnen ist. Nicht mit gleicher Sicherheit kann der Meister der Schnitzarbeiten der Apostel- und Heiligenfiguren des inneren Schreins (Feiertagsseite) benannt werden, denn leider signierte er sein Werk nicht. BACIGALUPO weist die Schnitzereien aufgrund von Vergleichen dem Meister Veit Wirs-berger zu, der als ein begabter und fleißiger Künstler der ausgehenden Gotik im fränkischen Raum gewirkt hat. BACIGALUPOS Forschungen konnten auch zur Geschichte des Altars einiges Interessante beitragen. Vor allem widerlegte er mit einleuchtenden Gründen die immer mal wieder aufgetauchte Behauptung, der Altar sei ursprünglich für die Klosterkirche in Münchsteinach bestimmt gewesen, sei gar irgendwann in den Wirren der Zeit von den Gutenstettenern aus der Klosterkirche gestohlen worden. Dagegen führt er einen kaum zu widerlegenden Beweis: Altaraufsatz und Altartisch waren von Anfang an zentimetergleich einander angepasst, gehörten also ursprünglich zusammen. Da aber der Altartisch auch einen (heute leeren) Reliquienbehälter birgt, muss er schon vor der Reformation hier aufgestellt worden sein. Zu der oben gestellten Warum-Frage gibt BACIGALUPO eine plausible Antwort: Eine sorgfältige Interpretation der Predella-Wappen(45) führte ihn zu der Brandenburgischen Markgräfin Barbara, verwitwete Herzogin von Crossen an der Oder, Tochter des bekannten Markgrafen Albrecht Achilles. Sie hielt sich in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts gelegentlich im Alten Schloss in Neustadt bei ihrer ebenfalls verwitweten Stiefmutter auf(46). Dort könnte sie von dem 1510 ergangenen Aufruf des Bischofs von Würzburg zur Unterstützung des Weiterbaus der Gutenstettener Kirche erfahren und sich zu der großzügigen Stiftung eines Johannes-Alters entschlossen haben. BACIGALUPO vermutet, dass die auf einer der Bildtafeln deutlich herausgehobene sitzende Frauenfigur, die mit dem Volk der Bußpredigt des Täufers lauscht, die Stifterin Herzogin Barbara darstellen soll, eine Frau, die von brüderlich-männlicher Rücksichtslosigkeit für die Zwecke markgräfhcher Machtpolitik instrumentalisiert wurde(47). „Nach ihrem so unfruchtbar verlaufenen Leben war sie gewiss schon lange in der seelischen Verfassung für eine lebensüberdauernde fromme Stiftung."(48)Barbara, Herzogin von Schlesien, Stifterin des Altars. Ausschnitt des Tafelgemältes "Predigt des Johannes" Die Malereien erzählen in sechs Tafeln vom Schicksal Johannes des Täufers, wie es die Evangelien und die alten Legenden überliefern. Die Schnitzarbeiten der „Feiertagsseite" zeigen im Mittelfeld die Figuren des heiligen Albanus, Johannes des Täufers und des Evangelisten Markus, mit der Bibel in der Hand, auf der brav ein kleiner Löwe sitzt; auf dem linken Seitenflügel St. Urbanus, erkennbar an den Weintrauben, und rechts St. Nikolaus mit den drei goldenen Äpfeln. Alle Figuren weisen noch die ursprüngliche Bemalung auf. Die Predella erzählt die Taufe Jesu durch Johannes, die im Bildprogramm der oberen Tafeln fehlt. Interessant ist, dass ganz oben im Gesprenge eine Deesis (das griechische Wort bedeutet „Anbetung", eine Anbetung des Weltenrichters also) dargestellt wird, die unseren Altar in die Tradition mit der frühesten christlichen Kunst, aber auch mit der Orthodoxen Kirche verbindet, in deren Bilderwand (Ikonostase) die Deesis-Gruppe niemals fehlt: Christus als Weltenrichter, eingerahmt von den fürbittenden Gestalten der Gottesmutter und Johannes des Täufers. Die beiden zur Deesis gehörenden Engelsfiguren stehen in unserem Altar links und rechts außen auf schlanken Säulchen. Sie zeigen Jesu Marterwerkzeuge, die „Werkzeuge" unserer Erlösung, vor. Wahrscheinlich sind sie als die Erzengel Michael und Gabriel zu deuten. Wie diese hervorragenden Kunstwerke gerade in unsere Kirche gelangt sind, bleibt ein Rätsel. Bis uns die Geschichtsforschung eine einleuchtendere Antwort gibt, belassen wir es bei der uns sympathischen Annahme, dass unsere Kirche in unserer Gegend auch damals noch in besonderem Ansehen stand. Nachträge Ehe wir diese Seite ganz umblättern, halten wir noch zwei Notizen zur hiesigen Kirchengeschichte fest und referieren einige Angaben aus alten Urkunden, insbesondere dem Reichssteuerregister vom 1497, die für die Gemeinde Gutenstetten interessant sind. Zuerst drucken wir einen Eintrag aus dem hier schon mehrfach angeführten Kirchenbuch der Gemeinde Gutenstetten ab, der vermutlich zum Schmunzeln veranlassen wird. Hier teilt der damalige Ortspfarrer DÖDERLEIN seinen Eindruck über die Zustände in der Gemeinde Gutenstetten an der Wende zum 19. Jahrhundert mit.(147) „Stand des geistigen Lebens in der Gemeinde" Vor der Zeit des jetzigen Geistlichen (vor 1828) wurde die Gemeinde in den pfarrlichen Berichten als sehr verdorben geschildert, und Herr Dekan Schmidt von Neustadt soll sie sogar eine „gottlose" genannt haben. Unterzeichneter dagegen sprach fatoo(148)[sic] errore in seinen ersten Berichten ein bessseres Unheil aus, kam aber, je näher er der Sache auf dem Grund sah immer mehr davon zurück und muß leider jetzt eben so ungünstig sich aussprechen als seine Vorfahren. Der Grund dieser seiner Veränderten Ansicht liegt in der Verstellungskunst der Gemeinde gegen den Geistlichen, die es ihm unmöglich macht, den Stand der Dinge so bald genügend kennen zu lernen. a) Es herrscht zwar in Gutenstetten und noch mehr in Reinhardshofen eine gewisse äußerliche Kirchlichkeit, der religiöse Sinn, der jene erst heiligt und ihr Werth gibt, ist leider sehr schwach, und in Rockenbach und Bergtheim fehlt sowohl dieser als jene gänzlich. Dergleichen sind auch die Religionskenntnisse noch sehr mangelhaft, während Kenntnisse in der Politik, Geschichte, Geographie etc. weiter verbreitet sind, als irgend wo anders auf dem Lande. b) Daß unter diesen Umständen auch des sittlichen Standes nicht lobend gedacht werden könne, ist natürlich. Namentlich sind Luxus, Unzucht, Falschheit, Betrug, Lügen, Fluchen und Schwören hervorstechende Züge in dem traurigen Sittengemälde, wozu sich in den Orten Rockenbach und Bergtheim noch ein beispiellos hoher Grad von Holzdiebstahl gesellt, dem Alte und Junge frönen und der im eigentlichen Sinne des Wortes zur stehenden Nahrungsquelle unter ihnen geworden ist. Dergleichen zeichnet sich auch die Gemeinde Reinhardshofen von jeher durch einen feindlichen und prozeßsüchtigen Sinn gegen Pfarrer und Lehrer und benachbarte Gemeinden aus, und so sehr sich auch Reiche und Arme allhier von einander kastenmäßig abscheiden und sich gegenseitig hassen und verfolgen, so sind sie doch sogleich wieder und auf so lange fest untereinander verbunden, als es dem, gewöhnlich absichtlich und muthwillig von ihnen herbeigeführen, Kampf gegen einen von ihnen gilt. Die Jugend, so bald sie einmahlaus der Schule entflohen ist, wird gewöhnlich bald wild und zügellos, am meisten in Reinhardshofen, Rockenbach und Bergtheim, wo das Übel in dieser Hinsicht fast den höchsten Grad erreicht hat. Übrigens ist dies nicht nur das Bild der hiesigen Pfarrgemeinde, sondern auch das der ganzen Umgegend, und vielleicht möchte es in mancher anderen Gemeinde womöglich noch trauriger aussehen.... Doch was das Schlimmste ist, so steht der Hoffnung des Besserwerdens fast Alles entgegen..." Vielleicht erschien dem Pfarrer DÖDERLEIN das von ihm gemalte Bild gar zu düster, denn zehn Jahre später fügt er dem Bericht folgende „Fortsetzung" an: [„Der im Jahre 1834 beschriebene Stand der Kirchengemeinde hat sich bis dato (Februar 1843) um Vieles gebeßert. Nicht nur daß die Kirchlichkeit mit jedem Jahr zugenommen, auch die innere Religiosität, sowie die äußere Zucht und Sitte, haben sich sichtbar gehoben, und es bietet sonach das Ganze ein viel erfreulicheres Bild dar, als solches im Jahr 1834 gezeichnet werden mußte. Besonders hat sich der prozeßsüchtige Sinn der Filialgemeinde Reinhardshofen gänzlich verloren und es zeichnet sich dieselbe fast in jeder Hinsicht vortheilhaft aus. Nur Rockenbach und Bergtheim stehen noch zurück und der schon früher gerügte Unfug des Holzdiebstahls wird auch jetzt noch allda gefunden. Eine traurige Erscheinung in der Pfarrei war jedoch die im vorigen Jahr abschreckend zugenommene Zahl der unehlichen Kinder (19 unter 50), meist von Mägden geboren, die außerhalb der Kirchengemeinde dienten, sowie die in Folge des vorjährigen großen Futtermangels überhand genommene Privathut und wieder häufiger gewordenen Felddiebstähle, die, wenn sie sich nicht bald wieder verlieren sollten, auf die Moralität überhaupt den schädlichsten Einfluß ausüben dürften." Wir müssen die Beschreibung Pfr. DÖDERLElNs nicht für bare Münze nehmen, interessant ist an ihr vor allem, was ein Pfarrer damals aus seiner Gemeinde für berichtenswert hielt und was nicht. Zum zweiten sollen die namentlich bekannten Pfarrer aufgeführt werden, die hier durch die Jahrhunderte bis heute gewirkt haben(149). Jahr |Pfarrer 1304|Sifridus Socius 1314|Bernher (Wernher ?) Dekan 1400|Friedrich von Gattenhof en 1438 - 1465 |Conrad Bruckner, Dekan (brachte 1442 die Akten von St. Martin nach Kloster Ebrach) 1477 - 1481 | Egidius Truchseß von Wetzhausen -1496 |Johann Segitz (Kirchenneubau ab 1493) 1508 |Michael Heilloß ? |Rehelein ? -1512 |Philipp Klinghart 1512-1520 |Stephan Nagel 1520-1524 |Johann Goldle 1523 - 1528 | Wolfgang Geyser 1528 - 1530*150 |Georg Ziegler [verpflichtet sich 1530 zu evangelischer Predigt] 1530 - 1558* |Hans Schreiner 1558 - 1563* |Linhard (Leonhard) Wagner 1563-1566 |Johann Oheim 1566 - 1572 |Georg Heiniein 1572 - 1607 |Bernhard Nothnagel 1607-1616 |Johann Büttner 1616-1617 |Justus Hübner 1617 - 1624 |Johann Grunauer 1624 - 1633 |Adam Staudigel [von baierischen Soldaten verschleppt] 1633 - 1634 |Andreas Zirner [wanderte nach zwei Jahren ab] 1634 - 1635 |Johann Brey [verhungert] 1635 - 1651 |Pfarrstelle 16 Jahre unbesetzt 1651 - 1676 |Gabriel Schmutzer 1677 - 1679 |Sebastian Reuß 1679 - 1681 |Christoph Piccart 1681 - 1725 |Johann Georg Oertel [Erbauer des Pfarrhauses ab 1699] 1725 - 1744 |Johann Heinrich Oertel 1744 - 1749 |Christoph Friedrich Küffner 1749 |Martin Heinrich Feder [Chronist von Schornweisach und Münchsteinach] 1750-1768 |Johann Heinrich Schirmer 1768 - 1805 |Johann Laurentius Preiß 1806 - 1817 |Johann Matthias Beck 1818 - 1827 |Georg Martin Geiger 1828 - 1857 |Johann Adam Döderlein [Verf. des Pfarrbuches von 1834] 1858-1868 |Georg Ernst Stettner 1870 - 1877 |Georg Friedrich Billmann 1877 - 1891 |Johann Christian Heinrich Friedrich Brügel 1891 - 1913 |Christian Friedrich Heinrich Wild 1914-1916 |Friedrich Wilhelm Dorn 1917-1927 |Friedrich Bock 1927-1946 |Johann Wild 1947 - 1956 |Friedrich Nägelsbach 1956 - 1978 |Friedrich Löblein seit 1981 |Italo Bacigalupo 1834 hatte die Gemeinde laut Pfarrbuch 1298 Seelen. Seitdem hat sich die Seelenzahl nicht mehr wesentlich verändert. 40) Zum Folgenden siehe Italo BACIGALUPO, Baugeschichte. 41) BACIGALUPO, Baugeschichte, S. 159 f. 42) Ders., Pfarrherrliches Landleben, in: ZbKG 56/1987, S. 199. 43) BACIGALUPO, Baugeschichte. 44) Ders., Der Gutenstettener Altar. Ein Werk der Nürnberger Meister Hans Peheim und Veit        Wirsberger, in: ARS BAVARICA, Band 45/46, München 1987. 45) Predella heißt der Sockel des Altaraufsatzes. 46) BACIGALUPO, Altar, S. 12 - 18. 47) Ebd., S. 14 ff. 48) Ebd., S. 18. 145) Ebenda. 146) Vgl. Kriegelstein, Reformation, S. 78 f. 147) DÖDERLEIN, Pfarrbuch, S. 101 - 104. 148) ]Es handelt sich wohl um einen Schreibfehler. Man kann die beiden        Wörter „fatoo errore" außer Betracht lassen, ohne den Sinn des Satzes zu verändern. 149) Die Zusammenstellung verdanken wir Italo Bacigalupo, Landleben S.234 150) * bedeutet: Die Jahreszahlen sind unsicher. ReformationszeitDie Jahre der Reformation begannen in Franken chaotisch, als eine ungeordnete, aufrührerische Volksbewegung. Erst in ihrer zweiten Phase ließ sie sich einfassen in einen geregelten, von der Obrigkeit gesteuerten Prozess. Beides gehört untrennbar zusammen, der Volksaufstand des Bauernkriegs gegen die weltlichen Obrigkeiten und die von eben diesen Obrigkeiten organisierte, Kirche und Staat umfassende Reform: An die Stelle der bisherigen Bischöfe traten die Landesherren als „Notbischöfe". Damit war das landesherrliche Kirchenregiment etabliert. Der BauernkriegZu diesem Thema ist eine ganze Seite gewidmet mehr...Einführung der Reformation in GutenstettenMan schätzt, dass der gescheiterte Bauernaufstand mehr als 100 000 Bauern das Leben gekostet hat. Er hat den Bauernstand um Jahrhunderte zurückgeworfen. Der Adel aber rückte alsbald wieder in seine alten Stellungen ein. Die unbequemen Burgen werden häufig nicht mehr repariert, man baut lieber Schlösser in Ortsnähe. Inzwischen hatte der 2. Akt der Reformation, der geordnete Aufbau einer evangelischen Kirche in Franken, begonnen. Er wurde „von oben" organisiert. Die Freie Reichsstadt Nürnberg machte 1525 einen mutigen Anfang, aber wie war das im Fürstentum Ansbach-Bayreuth und wie in Gutenstetten? Nach dem Ende des Bauernkriegs und dem Tod des Markgrafen Kasimir ging dessen nun allein regierender Bruder Georg mit Energie an die Errichtung einer evangelischen Landeskirche im Doppel-Markgraftum. Wegen seiner persönlichen evangelischen Frömmigkeit und seiner Verdienste um den Aufbau eines evangelischen Kirchenwesens erhielt er den Ehrentitel „Der Fromme". Er veranlasste eine Visitation, bei der auch alle Gemeindepfarrer in den Fränkischen Markgraftümern nach ihrer Haltung zum „reinen Evangelium" befragt werden sollten. Über diese „erste Brandenburgische Kirchenvisitation" von 1528 sind wir aus den alten Akten recht gut informiert. Die Auskünfte über die Einführung der lutherischen Lehre in Gutenstetten sind leider nicht ganz befriedigend. Hier amtierte damals ein Pfarrer, den die Visitationsakten „Wolfgang" nennen. Sein Zuname war Geyser, ein Münchsteinacher Mönch, der seit 1524 hier die Dienste eines Gemeindepriesters versah(59). Er gehörte zu den vielen, die zu dem Visitationsgespräch „wol erschynen seind, haben aber nit wollen respondieren noch die[neue] Ordnung annehmen"(60). Natürlich vertrat er den Standpunkt seines Abtes. Dieser aber verlässt schon im Jahr darauf das Kloster und zieht sich unter Mitnahme wichtiger Akten nach Würzburg zurück, wo er noch im gleichen Jahr stirbt61. Nach seinem Tod musste die markgräfliche Behörde nur noch ein bisschen nachhelfen, um die Säkularisierung des Klosters rechtlich zu fixieren: „Aus der (landesherrlichen) Schutzherrschaft über das Kloster wurde ... nunmehr die unmittelbar geübte landesfürstliche Obrigkeit über die ehemaligen Klosterdörfer"(62), die Abtei wird zum markgräflichen Klosteramt. Zur Sicherung dieser Rechtslage schwört 1530 Pfarrer Christoph Sachs in Münchsteinach, das Evangelium lauter und rein zu predigen und dem Markgrafen gehorsam zu sein(63). Auch in Gutenstetten tritt ein Pfarrerwechsel ein. Der neu ernannte Pfarrer Georg Ziegler verpflichtet sich 1530 in einer noch erhaltenen Erklärung gegenüber dem Markgrafen, diesem Gehorsam zu leisten und in seiner Gemeinde das unverfälschte Evangelium zu predigen(64). Es könnte sein, dass Ziegler nicht lange hier blieb und Pfarrer Hans Schreiner an seine Stelle trat, der sich offenbar an die neue Ordnung hielt65. Doch die Gemeinde scheint den Wechsel vom alten zum neuen Glauben nur zögernd vollzogen zu haben. Die Nachrichten aus jener Zeit sind widersprüchlich. Einerseits zählt 1534 der Pfarrer von Nesselbach, eindeutig der neuen Ordnung zugehörig, die Gemeinde Gutenstetten zu denen, die noch „am alten Glauben hängen". Zum Beweis führt er an, sie habe ihren Pfarrer genötigt, in diesem Jahr das Fronleichnamsfest und den Hagelfeiertag zu halten(66). Andererseits galt das Dorf 1532 als evangelisch, wie sich aus einer uns Heutigen eher komisch anmutenden, für die Leute damals aber höchst aufregenden Begebenheit schließen lässt. Sie muss so aufregend gewesen sein, dass der Vogt zu Münchsteinach noch am gleichen Tag - es war der 15. Juli 1532 - an die markgräfliche Regierung Meldung erstattete(67): Ein gewisser Wunholt von Seckendorff sei auf einem Ritt durch Gutenstetten gegen den dortigen Pfarrer plötzlich und grundlos handgreiflich geworden. Er sei über den Zaun des Pfarrgartens gesprengt und habe den nichtsahnend mit Gartenarbeit beschäftigten Geistlichen geschüttelt und angebrüllt: „Du Bösewichtpfaff, ihr und der Pfarrer zu Oberhöchstadt, ihr müsst sterben. Ihr lutherischen Buben, ihr wollt meinem Vater nicht parieren!" Der Pfarrer habe laut um Hilfe geschrieen, und im Dorf wurde Sturm geläutet. Der Reiter habe nun vom Pfarrer abgelassen, aber gleich darauf einen Bauern, der ihm über den Weg lief, zu Boden gestoßen. Die auf dem Feld arbeitenden Weiber habe er zudem mit der Drohung erschreckt, er wolle ihnen den roten Hahn auf die Stadel setzen und das Dorf verbrennen, dass man es mit Besen zusammenkehren wird. Inzwischen hätten sich die Bauern auf ihre Gäule geschwungen und seien dem Adeligen nachgejagt. In Reinhardshofen hätten sie ihn festnehmen können und sogleich dem Vogt überstellt. Der Seckendorffer habe zwar Besserung versprochen, jetzt aber wolle er die Gutenstettener verklagen. Der Vogt will nun wissen, wie er weiter verfahren soll. Auf die Frage, wann in Gutenstetten die Reformation nun tatsächlich eingeführt wurde, gibt es je nach der Sichtweise des Betrachters mindestens zwei Antworten. Blickt man auf die Gemeinde, so stellt man fest, dass sie offenbar Jahre brauchte, um in den neuen Glauben hinein zu wachsen. Sieht man auf die Pfarrer, so war Ziegler derjenige, der 1530 als erster die neue Ordnung anerkannt hat. Da seine Nachfolger diesen Schritt nicht widerriefen - eine erklärte Rückkehr in die katholische Ordnung hätte die markgräfliche Obrigkeit wohl kaum zugelassen -, können wir wohl festhalten, dass hier seit 1530 evangelisch gepredigt wurde, wie viele Zugeständnisse an die alte Ordnung den späteren Pfarrern von der Gemeinde auch abgenötigt worden sein mögen. Nur „langsam nahm der Typ des evangelischen Landpfarrers Gestalt an, der in strenger Abhängigkeit von der landesherrlichen Obrigkeit seinen Amtspflichten ... nachkam."68 DEININGER und in seiner Nachfolge DöLLNER behaupten, die Reformation sei in Gutenstetten erst 1542, unter Pfarrer Linhard Wagner, eingeführt worden69. 1531 verordnete die katholisch gebliebene Äbtissin von Birkenfeld, die Schwester des Münchsteinacher Abtes, Dorothea von Hirschaid, „ohne Verzug die Frühmess in Gerhardshofen wieder zu besetzen... mit einem gelehrten Mann, der in Ansbach examiniert worden ist"70. Der Hinweis auf „Ansbach" belegt, dass sie hier nicht den römischen Katholizismus wieder einführen wollte, sondern nur ihre Patronatsrechte geltend machte, die ja mit der Einführung der Reformation nicht automatisch erloschen waren. In der Mitte dieses ereignisreichen Jahrhunderts hatten die Gutenstettener Anlass, an der Außenwand ihrer Kirche an eine Katastrophe zu erinnern, die damals sehr ungeistlich und massiv vom Himmel kam. Durch einen „großen Wolkenbruch" - so DEININGER71 - wurde 1551 der Aischgrund von einer verheerenden Überschwemmungskatastrophe heimgesucht. Sie setzte die Taldörfer unter Wasser, schwemmte Häuser und Scheunen weg und überzog fruchtbaren Ackerboden mit Schlamm. Gutenstetten scheint besonders hart betroffen worden zu sein. Alle heutigen Dorfbewohner haben die Inschrift schon gelesen, die in die Kirchenmauer neben der Sakristei eingemeißelt ist: MDLI [1551] WAR EIN GVS BIS HJHER. „Bis hier her", das war mehr als einen Meter über dem heutigen Fußboden der Kirche. Wie viele Opfer die Katastrophe forderte, weiß man nicht. Genauere Nachrichten darüber sind bisher nicht gefunden worden.57) Zitiert bei PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 270. 58) Bay. Staatsarchiv Bamberg, Rep. C 3, Nr. 1502. 59) DÖLLNER, Entwicklungsgeschichte, S. 190. BACIGALUPO, Landleben, S. 195. 60) SCHORNBAUM, Kirchenvisitation, S. 107. 61) PFEIFFER, Rechtsstellung, S. 272. 62) Ebenda S. 275. 63) Ebenda S. 274. 64) Landeskirchl. Archiv Nürnberg, Kgl. Kons. Ansbach, Pfarrei Gutenstetten 1530 -1558, fol. 1. 65) So vermutet BACIGAEUPO, Landleben, S. 195. 66) Ebd., S. 196. 67) Wörtlich wiedergeben ebenda. 68) Ebd., S. 196 f. 69 DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 10. 70) Ebd., S. 19. 71) Ebd., S. 11.Der Dreißigjährige KriegAuch politisch waren diese Jahrzehnte in unserer Gegend nicht ruhig. Im zweiten Markgräflerkrieg, in dem der Markgraf Albrecht „Alcibiades", der Urenkel des bedeutenden Albrecht Achilles, 1556 noch einmal, nun aber mit höchster Brutalität, die Alleinherrschaft der Zollern in Franken zu erzwingen suchte, wird auch der Aischgrund von verheerenden Verwüstungen getroffen. Neustadt wird niedergebrannt, viele Dörfer der Umgebung werden zerstört. Gutenstetten scheint einigermaßen glimpflich davongekommen zu sein. 1618 beginnt der 30-jährige Krieg, eine der schwersten politischen Katastrophen der mitteleuropäischen Geschichte in den letzten 500 Jahren. Auch wenn dieser Krieg nicht überall in gleichem Maße zuschlug - Südbayern und Schwaben wurden vom Krieg weitgehend verschont-, Franken hatte unter ihm entsetzlich zu leiden72. Die Zahlen über die im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg umgekommenen Menschen gehen weit auseinander. Heute schätzt man, dass die Bevölkerung des damaligen deutschen Reichsgebietes im Laufe der Kriegsjahre etwa von 21 Millionen auf 13 Millionen geschwunden ist73. Wählt man engere Bereiche aus, wird das Ausmaß der Katastrophe deutlicher. Im Bereich der „Rothenburger Landwehr" sollen etwa 70 Prozent der Bevölkerung durch Tod oder durch Flucht ohne Wiederkehr ausgelöscht worden sein74. Im mittleren Aischgrund waren die Verluste und Schäden vielleicht noch größer. Warum kam es überhaupt zu diesem Krieg? Die Kirchen sahen ihn lange Zeit vor allem als Religionskrieg. Vordergründig war er das sicher: Kriegsanlass war die Angst der Hussitischen Böhmen vor dem Verlust ihrer 200 Jahre alten Religionsfreiheit. Der streng katholische deutsche Kaiser und böhmische König Ferdinand II. verfolgte als oberstes Kriegsziel die Wiederherstellung der (katholischen) Glaubenseinheit, wenn schon nicht im ganzen Reich, so doch wenigstens in den Regionen, wo er Landesherr war. Ganz sicher war für den Schwedenkönig Gustav Adolf die Rettung des evangelischen Glaubens in Deutschland einer der Gründe, sich aktiv in den Krieg einzumischen. Und die Heerführer auf beiden Seiten machten im Kriegsgetümmel trotz fortschreiten- König Gustav Adolf von Schweden, 1631 der Verrohung der Sitten bis zuletzt einen Unterschied, ob sie im konfessionell befreundeten oder gegnerischen Gebiet operierten und foura-gierten (d.h. Lebensmittel für ihre Heere eintrieben). Doch zeigt die konfessionelle Frage nur die Oberfläche der Auseinandersetzung. Im Kern ging es allen beteiligten Fürsten um politische Ziele, um Erweiterung der eigenen Macht und Eindämmung der Macht derer, die man fürchtete. Dass in diesem kaum mehr überschaubaren Interessengeflecht immer wieder ir-gend-einer hoffte, sich mit neuen Kriegszügen einen Vorteil zu verschaffen, oder aber fürchtete, irgendwie zu kurz zu kommen, das war es, was den Krieg so unerträglich m die Länge zog. Es war ein Krieg der Herrscherhäuser gegeneinander, gelegentlich auch ein Privatkrieg der damals sehr selbstherrlich operierenden Söldnerführer. Um das Wohl der Bevölkerung scherten sich weder die einen noch die anderen. Vor allem die schutzlosen Bewohner des flachen Landes hatten die Kriegs-Suppe auszulöffeln. Am schlimmsten war es für sie, wenn Kampfhandlungen in ihrer Nähe ausgetragen wurden. Von Beginn an war der 30-jährige Krieg ein europäischer Krieg; fast alle Mächte von Spanien bis Russland, von Schweden bis Italien ließen sich hineinziehen. Der Kriegsschauplatz aber hieß Deutschland. „Was pauschal ein dreißig Jahre währender Krieg genannt wird, war keine planmäßige Abfolge militärischer Aktionen mit klar umrissenen Kriegszielen, sondern eine Periode nicht enden wollender sozialer Unruhen und politischer Intrigen, da und dort ausbrechender Religionskämpfe und mehr oder weniger wahlloser Feld- und Raubzüge"75. Die meiste Zeit des Krieges war Franken zwar mehr Durchzugs- als Kampfgebiet, die fränkischen Markgrafen waren sogar neutral, aber für unser Land bedeutete das keinen Vorteil. Durchziehende Soldaten waren meistens plündernde Soldaten, und das bekamen vor allem die Bauern zu spüren. Schon im Jahr 1620 zogen Mansfeidische (das waren evangelische) und bayerische (das waren katho-lische) Truppen durch den Aischgrund, zunächst ohne größere Schäden anzurichten. Fünf Jahre später kamen die Kaiserlichen noch einmal, diesmal als Sieger. Dieser Besuch war folgenschwerer76. Soldaten waren nicht nur Waffen- sondern auch Seuchenträger, und eines Tages brachten sie die „Pest" ins Land. Die aber blieb, auch wenn die Soldaten längst wieder abgezogen waren, und forderte ihre Opfer. „In Oberhöchstädt starben damals [1627] 70 und in Stübach 101 Menschen"77. In manchen Häusern blieb niemand am Leben. Es war wohl nicht die gefürchtete Beulenpest, die unsere Gegend heimsuchte, alle Epidemien nannte man damals „Pest". Nachdem der Schwedenkönig Gustav Adolf 1630 in den Krieg eingegriffen hatte, wurde für einige Zeit Franken zum Kampffeld. In den evangelischen Landstrichen wurde er mit Jubel begrüßt, denn er galt für die bedrängten Glaubensgenossen als Retter des evangelischen Glaubens. Die Legende lässt ihn im Oktober 1631 sogar drei Tage in Neustadt Quartier nehmen, doch das passt nicht in seinen von der Forschung rekonstruierten Terminkalender78. Nun setzte sich der Krieg in unserer Gegend fest. Vorspiel war die Einnahme von Neustadt durch einen 60 Mann starken Trupp kroatischer Soldaten im November 1631. Es kam vor allem in den Häusern wohlhabender Bürger zu Plünderungen, die Stadtkasse wurde geraubt und eine Anzahl von Pferden, auf die man besonders scharf war, gestohlen79. Vom Juni 1632 an führten das kaiserliche Heer unter Wallenstein und die Streitmacht Gustav Adolfs bei der Zirndorfer Alten Veste einen drei Monate währenden Stellungskrieg. Jetzt wurden die von den Bauern so gefürchteten Soldatenbesuche auch in den Dörfern Mittelfrankens zur fast täglichen Plage. Ohne Ansehen der Konfession versorgten sich die beiden volkreichen Heere in einem weiten Umkreis von Zirndof mit Lebensmitteln, manchmal kaufte man, meistens aber zog man einfach los und nahm mit, was man fand, essbare und nicht essbare Güter aller Art- und Frauen80. Am 8. Juli 1632 erzwang ein kroatisches Regiment die Öffnung des Nürnberger Tors von Neustadt. Trotz anderslautender Versprechungen wurde die Stadt von den Söldnerführern zur Plünderung freigegeben. Neustadt erlebte einige schreckliche Tage. Der Chronist Matthias Salomon Schnizzer überliefert ein namentliches Verzeichnis der Menschen-opfer, die der „croatische Einfall" von den Neustädtern gefordert hat: Mindestens 43 Einwohner kamen bei den Kampfhandlungen um, 215 starben an ihren Folgen innerhalb des kommenden Jahres „vor Hunger und Kummer", nur 86 Einwohner (ohne Gesinde) haben den Einfall in Neustadt überlebt. Viele Einwohner waren geflohen(81) Im gleichen Jahr brach die Katastrophe auch über unser Dorf herein. Da „kam ein Streifzug bayerischer Soldaten nach Gutenstetten und machte es hier gerade so wie die Kroaten vorher in Neustadt"(82). Die Eindringlinge plünderten das Dorf und zündeten die Höfe an, bis auf vier Gebäude (die Kirche, die Martinskapelle, das Amtsgefängnis und eine Scheune in der Nähe der Kirche) brannte alles nieder. „Die Dorfsleute flüchteten sich, wohin sie konnten, viele vor das Dorf in die sumpfigen Rohre... Die Soldaten schössen nach ihnen und gingen ihnen nach, sind dabei viele Dorfsleute und Soldaten in den Sümpfen erstickt"(83).Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde umgebracht. „Der damalige Pfarrer Adam Staudiegel... wurde von den bayerischen Soldaten völlig ausgeplündert und gefangen nach Höchstadt geführt". Erst als seine Frau das geforderte Lösegeld von 100 Reichstalern zusammengebettelt hatte, konnte er freikommen. Er starb nach weiteren schrecklichen Widerfahrnissen zwei Jahre später samt seiner Frau und drei Kindern in Windsheim an der Pest(84). Gutenstetten war am Ende. Die wenigen Übriggebliebenen gaben ihre notdürftig geflickten Behausungen im Lauf der nächsten Jahre auf und entflohen in sichere Gegenden. Einen erschütternden Bericht von der Not im Lande gibt der Kastner von Dachsbach. Er erzählt von der Geißel terrorisierender „bischöflich bambergischer Soldateska", die zwischen 1632 und 34 aus der uneinnehmbaren Festung Forchheim heraus den mittleren und oberen Aisch-grund bis in den Windsheimer Raum vollends zugrunde richteten85. 1633 suchte der Pfarrer Andreas Zirner, aus dem vom Krieg ebenfalls stark mitgenommenen Kairlindach kommend, in der Pfarrei Gutenstetten Arbeit und Brot86, doch er fand den Ort in einem „so öden und miserablen Zustand, dass er Hungers halber nicht lange bleiben konnte" und nach Ickelheim zog87. Noch einmal versuchte ein Pfarrer, sich hier niederzulassen: Johann Brey kam 1634, aber er starb schon ein Jahr später „für Hunger und Kummer"88. Von da an blieb die Pfarrei unbesetzt, die folgenden 16 Jahre wurde sie von den benachbarten Pfarrern, insbesondere von Baudenbach aus, versorgt. Nur noch wenige Leute lebten hier, nach einer Notiz des Baudenbacher Pfarrers Neubauer soll das Dorf in den Jahren vor dem Westfälischen Frieden (1648) völlig unbewohnt gewesen sein89. Ähnlich berichtet Rittmeister Bleymann von Birnbaum, ein Zeuge jener schreck-lichen Zeit, Gutenstetten sei von 1634 -43 „ganz öd gestanden, dass weder Menschen noch Vieh darin gewohnet"; auch den Ortsteil Haag schildert er als „ganz öd und eingegangen"90. Das Gutenstette-ner Pfarrbuch von 1834 (S.24) macht genauere Angaben. Demnach „stellte Gutenstetten vor dem Krieg 151 Mannschaften, 1641 noch 8, Reinhardshofen noch 4. Nach Kriegsen-de waren es in Gutenstetten noch 6". Von 1644 bis 1650 wurden in der großen Pfarrei nur 3 Kinder geboren und getauft91 . Pfarrer Veit vom Berg (Vitus de Monte), in den letzten Kriegsjahren Pfarrer in Uehlfeld, nahm sich aufopferungsvoll der im mittleren Aischgrund Übriggebliebenen an. In anrührenden Worten beschreibt er die Verheerungen des Krieges: „Die Feinde verwüsteten alles, wohin sie kamen, die Gebäude wurden niedergebrannt, unter greuelvollen Szenen wurden Männer, Weiber und Kinder hingerichtet. Die Felder wurden nicht mehr bestellt. Die Folge war Mangel an Lebensmitteln, Hunger und Krankheiten. Viele Bewohner verließen die Heimat und ließen sich in ruhigeren Gegenden nieder. Die Toten lagen auf den Straßen und Feldern umher, nur in Gärten wurden sie eingegraben, andere ins Wasser geworfen. Ganze Ortschaften standen leer, andere [waren] nur von alten Leuten und Kindern bewohnt, Männer gab es selten; die meisten Pfarreien lösten sich auf, Handel und Gewerbe stockten gänzlich. Die Äcker flogen mit Wald, die Wiesen mit Rohr und Gebüsch an. Wölfe und wütende Hunde und andere Tiere, welche an den unbeerdigten Leichen Nahrung fanden, drangen bis zu den Türen menschlicher Wohnungen...."92. So war der Krieg, wenn man genauer hinsah. Die Schicksale von Gutenstetten und dem mittleren Aischgrund sind nur Beispiele für die ganz normale Katastrophe in jener Zeit Auch für die deutschen Fürsten hat sich der 30-jährige Krieg kaum gelohnt. Einige von ihnen, wie unser Landesherr, der Brandenburgische Markgraf, hatten sich überhaupt herausgehalten. Seine Länder wurden damit allerdings nicht sicherer. Der Westfälische Friede von 1648 tastete die Grenzen nicht an. Die konfessionelle Spaltung blieb, sie wurde durch die habsburgische und bayerische Politik der religiösen Säuberung noch vertieft. Die habsburgische Monarchie ging gestärkt aus dem Krieg hervor, aber das deutsche Kaisertum wurde weiter geschwächt. Wunderbarerweise scheint unsere schöne St. Johanniskirche den Krieg eini-ger-maßen heil überstanden zu haben. Um sie herum baute sich nun das Dorf wieder auf. Nicht alle waren tot, die in den letzten Kriegsjahren nicht mehr hier waren. Als nach dem unter großen Feierlichkeiten am 26. Juni 1650 unterzeichneten „Nürnberger Friedenshauptrezess" auch das ländliche Franken wieder sicherer wurde, begann bald der Wiederaufbau. Neue Siedlungen entstanden, manche Weiler und Dörfer lagen so danieder, dass man sie ganz aufgab. Sie haben sich nur noch in Flurnamen erhalten. Die meisten der noch bestehenden halbverfallenen und fast menschenleeren Dörfer wurden wieder hergerichtet. Von den früheren Dorfbewohnern scheinen nur wenige wieder zurückgekommen zu sein. Aber es gab viele Flüchtlinge, die in Franken ein Unterkommen suchten93 und in den verödeten Dörfern gerne aufgenommen wurden. „Die evangelischen Landesherren sind an der Wiederbesiedlung sehr interessiert."94 Viele der Vertriebenen kamen aus den habsburgischen Ländern, deren Herren aus den Bestimmungen des Westfälischen Friedens die religiöse Pflicht ableiteten, ihre Gebiete um jeden Preis, auch um den der Entvölkerung, wieder katholisch zu machen. Vor die Wahl gestellt, zum alten Glauben zurückzukehren oder auszuwandern, hatten sie sich für den zweiten Weg entschieden. Die frühesten Vertriebenen stammten aus dem „Landl", dem evangelisch gewordenen „Ländlein ob der Enns" in Oberösterreich und dem Mühlviertel nördlich der Donau. „Schon in den letzten Jahren des großen Krieges" konnten sich einige von ihnen in unserer Gegend niederlassen95. Ab 1685 baten evangelische Bauern aus dem Salzburger Land, die der Fürstbischof Maximilian Gandolf ausgewiesen hatte, um Aufnahme. Viele „echte" Mittelfranken tragen noch mit Stolz ihre österreichischen Namen: die Platzöders, die Frühwalds, die Zeilingers, die Stürzenhofeckers, die Zehgrubers, die Grillenbergers, die Do(ö)llingers, um wenigstens einige zu nennen96 - bis heute Zeugen des standhaften Bekennens ihrer Vorväter. „Ungarische" Exulanten, wie DEININGER behauptet hat97, lassen sich hier nicht nachweisen. Auch in Gutenstetten ließen sich Vertriebene nieder und füllten entstandene Lücken. Sie scheinen bald integriert gewesen zu sein. Die Kirchenbücher vermerken schon in der zweiten Generation Eheschließungen zwischen Flüchtlingen und Alteingesessenen98. In unserer Gemeinde existiert nach BACIGALUPO von den Namen, die es hier vor dem 30-jährigen Krieg gab, kein einziger mehr. Man hat ausgerechnet, dass der Bevölkerungsanteil der österreichischen Zuwanderer in den Landgebieten der Fürstentümer Ansbach und Bayreuth am Ende der Wanderbewegung etwa 60 % ausmachte, in den Städten sollen es um die 20 % gewesen sein (99). Gutenstettener Zahlen nennt 1674 der hiesige Pfarrer Gabriel Schmutzer in einem Schreiben an das Konsistorium in Neustadt, wobei er allerdings nicht zwischen Alteingesessenen und Neubürgern trennt: Hier lebten „nicht mehr als 375 Seelen, Junge, Alte, auch die kleinen Kinder in der Wiege mitgezehlet, als 63 Paar angesessene Eheleute, ll Paar Eheleute, so zur Herberge sind..., 5 angesessene Wittiber, 3 angesessene Wittweiber, 6 Personen an Männern und Weibern, die sich bei ihren Kindern aufhalten und derselben Brod eßen, 2 Wittiber, so Hausgenossen sind, 184 Kinder groß und klein, die noch daheim bei den Eltern sind, 27 Dienstboten..."(100). Durch mancherlei Privilegien leistete die markgräfliche Regierung Aufbauhilfe. „Die Bewohner erhielten vielfach Freiheit von Zehnten und Abgaben und auch nötiges Bauholz unentgeltlich"(101). Und sie scheinen tüchtig gearbeitet zu haben. Von Pfarrer Schmutzer ist ein Bericht aus dem Jahr 1660, also zwölf Jahre nach Kriegsende, erhalten, in dem er seine bisherige Rekultivierungsarbeit und die noch zu bewältigenden Aufgaben beschreibt: „Der Grasgarten ist mit hohen dicken Dornen bewachsen, habe ihn aber mit großer Mühe u. Unkosten wieder ausgesäubert... Von den drei Widdumsgütern der Pfarrei ist das eine eingefallen. Das Pflanzbeet liegt öde u. wüst..."(102). Die anderen Dorfbewohner werden nicht weniger eifrig bei der Sache gewesen sein. 1652 wird die Gemarkung neu vermessen und eine neue Siebenerordnung für die in den Kriegswirren verschollene alte aufgestellt(103) - ihr Original ist noch erhalten. Es war wirklich ein umfassender Neuaufbau! 72) Bei unserer Darstellung des 30-jährigen Krieges beziehen wir uns hauptsächlich auf:       Cicely V. WEGDWOOD, Der Dreissigjährige Krieg, München 1976. 73) WEGDWOOD, S. 448. 74) SPINDLER, Handbuch, Bd. 1,5.493. 75) Hans JESSEN, Der 30jährige Krieg in Augenzeugenberichten, München 1981, S. 1. 76) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 14. 77) Ebenda. 78) vgl. DÖLLNER, Entwicklungsgeschichte, S. 235. 79) Ebenda, S. 236. 80) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 14.       Matthias Salomon SCHNIZZER, Chronica der statt Neustatt an der Aysch, sowohl nach ihrem       Alten als Neuen Bürgerlich und Kirchlichen Zustand 1708, Druckfassung Neustadt a.d. Aisch       1938, S. 95 f. 82) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 15. 83) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 15. 84) Ebenda, S. 15. Vgl. auch BACIGAEUPO, Landleben, S. 197 f., zitiert hier aus SCHNIZZER,       Chronica. 85) SlEGISMUND, Der Dreißigjährige Krieg, insb. S. 40 und 55 f. 86) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 15. 87) BACIGALUPO, Landleben, S. 198. 88) Ebd., s. auch DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 16. 89) Wie Fußnote 87. 90) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 16. 91) Ebenda. 92) Zitiert nach DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 16. 93) Dazu Matthias SIMON, Evangelische Kirchengeschichte Bayerns,       2. Auflage, Nürnberg 1952, S. 437 f. 94) KRIEGELSTEIN, Reformation, S. 47. 95) Ebenda. 96) Vgl. ebenda, S. 49. 97) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 16. 98) Claus.-Jürgen ROEPKE, Die Protestanten in Bayern, München 1972, S. 302. 99) Ebenda. 100) BACIGALUPO, Landleben, S. 202. 101) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 17. 102) LEHNES, Geschichtliche Nachrichten, S. 143. 103) DIE HEIMAT vom 26.10. und 15.12.1927. 104) DÖDERLEIN, Pfarrbuch, S. 25. PietistenverfolgungUnter den Pfarrern, die in den Jahrzehnten nach dem 30-jährigen Krieg hier tätig waren, verdient Johann Georg Oertel besonders hervorgehoben zu werden. Er kam 1681 als junger Mann aus Münchsteinach und blieb 44 Jahre. Während seiner Amtszeit wurde er vor zwei Aufgaben gestellt, die er mit Geschick und Geduld bewältigte: die Auseinandersetzung mit dem Pietismus in Gutenstetten und den Bau eines neuen Pfarrhauses. „1697 zog sich der pietistische Schwärm in den Aischgrund". So beschreibt der Gutenstettener Pfarrer DÖDERLEIN im hiesigen Pfarrbuch das Erscheinen des Pietismus in unserer Gegend(104). Ähnlich verächtlicher Worte bedient sich der Neustädter Archidiakonus und Chronist Matthias Salomon Schnizzer, wenn er vom Auftauchen der Pietisten schreibt: „In diesem Jahr (1697) hat sich der pietistische Schwärm einzuschleichen angefangen, dazu sich einige in Neustadt bereden ließen"(105). Die Pietisten hatten es in der evangelischen Kirche nie ganz leicht, und auch Schnizzer beobachtete diese Bewegung offensichtlich mit höchstem Misstrauen. Für DÖDERLEIN scheinen die Pietisten vor allem daran erkennbar zu sein, dass „sie keine Kirche besuchen". Doch so einfach ist die Sache nicht. In der Geschichte des fränkischen Pietismus taucht Gutenstetten immer wieder auf. Hier hat es eine Anzahl von Anhängern gegeben, die sich uns als erstaunlich selbstständige und unbeirrbare Persönlichkeiten präsentieren. Breitere Aufmerksamkeit fand der deutsche Pietismus mit der 1675 erschienenen Schrift „Pia Desideria" - zu deutsch: „fromme Wünsche". Verfasser war der damals in Frankfurt am Main wirkende Theologe Philipp Jakob Spener. Er legt ein Programm für die Reform der Kirche vor, das in den evangelischen Gebieten Deutschlands einiges Aufsehen erregte. Unter Berufung auf Martin Luther übt er Kritik an der Entwicklung der lutherischen Kirche und fordert ihre Neuorientierung: weg von den erstarrten Ritualen und Lehrsätzen bloßer Rechtgläubigkeit, hin zu einer Leib und Seele des Gläubigen erfassenden persönlichen Christusnachfolge. Heute wird der Pietismus so beschrieben: „Als heftige Reaktionsbewegung gegenüber einer stellenweise in Intellektualismus erstarrten Orthodoxie rückt der Pietismus die Frage der persönlichen Aneignung des christlichen Glaubens wieder in den Vordergrund....Ein neuer Frömmigkeitstypus formt sich aus, der eine Selbstheiligung erstrebt, zugleich in unermüdlicher Zeugen- und Opferfreudigkeit missionarisch aktiv wird..."(106). Der Schwerpunkt der Frömmigkeitspflege verlagert sich aus dem öffentlichen Sonntagsgottesdienst in kleine, überschaubare Versammlungen Gleichgesinnter. Anfangs war „Pietisten" ein Spottname der Andersdenkenden, die sie damit als „Frömmler" brandmarken wollen. Bald aber verwenden ihn die Pietisten selbst wie einen Ehrennamen. Fast überall blieben sie eine Minderheit, aber man beachte: Der Pietismus war damals Träger des Fortschritts, nicht nur in der Kirche, denn er hatte den menschlichen Innenraum, Seele, Herz und Gemüt entdeckt. Mit ihm halten Pädagogik und Psychologie Einzug in das Denken und Handeln von Kirche und Gesellschaft. Schon recht früh kommt der Pietismus in unsere Gegend. Der Schwager Speners, Johann Heinrich Horb, bringt ihn mit, als er 1679 zum Superintendenten (Dekan) in Windsheim ernannt wird(107). Den Weg nach Neustadt findet die neue Bewegung aber erst 20 Jahre später durch den dortigen Superintendentenjohann Georg Layritz. Der Pietismus war zu keiner Zeit und an keinem Ort eine Massenbewegung: „Es waren immer nur einzelne, die sich anschlössen"108. Bald traf man sich in Neustadt regelmäßig; warum gerade Leute aus Gutenstetten dazu stießen, wissen wir nicht. Am 3. Osterfesttag 1701 hielt man jedenfalls eine Versammlung in Gutenstetten ab, und das wurde zu einem Dorfereignis. Über 50 Personen versammelten sich im Haus des Schulmeisters Müller.(109) Das scheint Pfarrer Oertel so verunsichert zu haben, dass er das Ereignis beim Super-intendenten in Neustadt anzeigte. Uns Heutigen tat er damit den Gefallen, die Namen der wichtigeren Gutenstettener Pietisten mitzuteilen: „Nik. Pöhlmann Schuster, Hofmann Büttner, Matthäus Helm, Sebastian Ficht, die Schäferin, Joh. Matth. Müller Schulmeister"; aus Pahres werden Georg Gressel, Bauer, und Joh. Hofmann, Wirt, genannt. Oertel betont eigens, „daß keines die öffentlichen Gottesdienste versäume". Inzwischen hatte Neustadt einen neuen, anders ausgerichteten Superintendenten: Wolfgang Christoph Räthel war ein gebildeter und auch literarisch tätiger Theologe (bis 1729), aber dem Pietismus stand er kritisch, ja feindselig gegenüber. Nun kommt es zu Spannungen. Zunächst wird der Streit schriftlich geführt. Räthel bemängelt vor allem, dass in den Versammlungen Menschen lehrten, die dazu nicht von Amts wegen berufen seien, „Ignoranten, Schneider, Schuster, Leinenweber, Ziegler, Mauerer, Burger, Bauern oder allerhand zusammen-geloffenes Gesindlein"(110). Die Pietisten ihrerseits nehmen Anstoß am „unordentlichen Leben und den seichten und fabelhafften Predigten der meisten Pfarrer". Sie scheuen sich auch nicht, Namen zu nennen. Räthel, so beklagt 1703 der anonyme Verfasser eines Offenen Briefes, mag „den Buchstaben der Schrift... in Hand, Mund und Feder, die Kraft und den Geist aber nicht an sein Herz gelangen lassen"(111). Der Gutenstettener Pfarrer Oertel gehört in dieser oft hitzig geführten Auseinandersetzung zu den wenigen, die einen kühlen Kopf behalten. Er versucht zu vermitteln112. Auch die weltliche Obrigkeit mischt sich ein, gelegentlich sehr energisch, aber mit wechselnden Standpunkten, je nach dem, was der jeweilige Markgraf von der Sache hält. Christian Ernst (1655-1712) stellt sich gegen die Pietisten. Und nun wird es ernst. Vermutlich von Superintendent Räthel beraten, erlässt er 1704 eine Verordnung, in der die Pietisten als schädliche Müßiggänger und Aufwiegler (wohl weil sie die obrigkeitlich legitimierte Kirchenleitung anzutasten wagen) gebrandmarkt werden(113). Sie stellen zunächst ihre Privatversammlungen ein(114) - bis der nächste Markgraf kommt. Aber vorläufig kam in Gutenstetten überhaupt kein Markgraf mehr, denn der war in Geldnot geraten und verpfändete im Jahre 1700 das Klosteramt Münchsteinach an das Hochstift Würzburg. Erst 1732 sah er sich in der Lage, es wieder zurückzukaufen. Das bedeutete, dass für die Untertanen des Klosteramtes, also auch für die Gutenstettener, die weltliche Obigkeit für drei Jahrzehnte in Würzburg war. Für „die Religion und deren Ausübung sollte jedoch der Status quo erhalten bleiben"(115). Damit war die im hohenzollerischen Fürstentum geltende enge Verbindung von Thron und Altar aufgehoben. Religionsfragen wurden in der Superintendentur Neustadt entschieden, für weltliche Angelegenheiten war der Bischof von Würzburg zuständig. Den aber interessierten die religiösen Meinungsverschiedenheiten seiner evangelischen Untertanen nur wenig, und so blieben die Pietisten in Gutenstetten vorläufig unbehelligt. Sie nahmen auch ihre Versammlungen wieder auf(116). Diese beschreibt Oertel so: „Es sind diese Leute Sonn- und Feiertage nach der öffentlichen Versammlung [also nach dem Gottesdienst und nicht währenddessen, das ist wichtig!], letztlich auch am Mittwoch in ein Haus zusammengekommen, haben gebetet und gesungen, ein und ander Capitel aus der Bibel gelesen, einander zum Guten ermahnt und hernach mit Gebet und Gesang geschlossen"(117). Dagegen konnte man eigentlich nichts sagen. Gutenstetten und Pahres waren nicht die einzigen ländlichen Orte im Umkreis, in denen der Pietismus Fuß fasste, aber die wichtigsten (118). Bald tritt auch der radikale Bruder des Pietismus in Erscheinung: der Separatismus. Der wohnte gewissermaßen im Nachbarhaus. Da die Pietisten sich für die besseren Christen hielten, konnten die anderen, die Angehörigen der Großkirche, nur die schlechteren Christen sein. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu der Einschätzung: Wir allein sind die Christen, mit den anderen wollen wir nichts zu tun haben. Das ist Separation, Trennung von der Großkirche. Auch hier sonderten sich einige Pietisten von der Ortsgemeinde ab, nahmen am Gottesdienst nicht mehr teil und verweigerten auch den Empfang der Sakramente(119). Da und dort nahmen sie deren Verwaltung selbst in die Hand. Das brachte sie in Schwierigkeiten auch mit ihren Pfarrern, vor allem bei Todesfällen; denn nun stand die Frage im Raum, wo und durch wen sie beerdigt werden sollten. Als einer der Gutenstettener Separatisten, der Tagelöhner Hans Landsmann, Anfang 1709 starb, verweigerte ihm Pfarrer Oertel das kirchliche Begräbnis mit der Begründung, Landsmann habe „drei Jahre lang Gottesdienst und Abendmahl gemieden, Kirchgänger verspottet, auch...wenige Monate vor seinem Tod geäußert: er gehe nicht in die Kirche, da es lauter Lügen seien, was die Pfarrer predigten"(120) . Nun sieht sich das Hochstift Würzburg als weltliche Obrigkeit zum Eingreifen veranlasst, denn Trennung von der obrigkeitlich legitimierten Kirche verletzte auch weltliches Recht. Das Hochstift verfügt, dass der Verstorbene auf dem gemeindlichen Friedhof zu begraben sei, allerdings ohne kirchliches Geleit. Mit gleichem Bescheid aber ordnet es ein Verhör der Gutenstettener Separatisten an, das von den drei im Klosteramt tätigen Pfarrern (Baudenbach, Gutenstetten, Münchsteinach) abgenommen werden solle. Für Lehrfragen bei seinen nichtkatholischen Untertanen fühlt sich das Hochstift nicht zuständig. Vorgeladen werden: Sebastian Hahn aus Pahres, Nikolaus Pöhlmann, Hans Georg Hoffmann, Johann Matthäus Müller, Matthes Helm, Sebastian Ficht. Hans Gräsel und die Witwe von Hans Landsmann(121). Eine andenkenswürdige Liste von christlichen Laien, die es wagten, vor einer kirchlich/obrigkeitlichen Behörde über ihren Glauben Rede und Antwort zu stehen. Der dem Bischof von Würzburg zugeleitete Bericht bezichtigt die Verhörten des Verstoßes gegen die reine lutherische Lehre und empfiehlt abgestufte Strafmaßnahmen bis zum Ausschluss aus der Gemeinde(122). Die Würzburger Obrigkeit aber verhängte härtere Strafen. Es wurde... angeordnet, die Separatisten nach nochmaliger Ermahnung in Ketten und Banden zur Zucht und Besserung nach Bamberg einzuliefern"(123). Inständiges Bitten der Betroffenen und die Fürsprache Pfarrer Oertels konnten das harte Urteil abmildern in eine Ausweisung der „Irrlehrer". Auch die schließlich gültigen Urteile mögen heute unmenschlich hart erscheinen, doch sie waren abgedeckt durch die Vereinbarungen des Westfälischen Friedens. Aber schon damals wurde in Religionsdingen nicht mehr so heiß gegessen wie gekocht. Als die Gebannten anderswo nicht unterkommen konnten, bereuten sie und durften wieder nach Hause. Als die alte Ordnung im Klosteramt wiederhergestellt war, erneuerte der Markgraf 1740 die Ausweisung der Separatisten, drang aber nicht auf rigorose Durchführung der Strafmaßnahme(124). Wirklich betroffen waren nur die „Anführer", unter ihnen auch Georg Gräsel oder Greßel. Doch auch er konnte bald wieder zurückkehren und verbrachte den Rest seiner Tage bei Verwandten in Pahres. Er starb dort 1744 als Achtzigjähriger, die Beerdigung hielten seine „Glaubensbrüder" ohne Beteiligung eines Pfarrers (125). Nach Gräseis Tod verschwanden die hiesigen Separatisten aus den Akten, aber offenbar nicht aus der Gegend. DÖDERLEIN erwähnt im Pfarrbuch, dass es 1753 in Reinhardshofen noch Separatisten gegeben habe. Trotzdem: Der Separatismus blieb hier eine Episode der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Tatkraft von Pfarrer Oertel ist auch der Bau eines neuen Pfarrhauses zuzuschreiben. Es ersetzte einen Behelfsbau, der kurz nach dem 30-jährigen Krieg errichtet worden war. Die markgräfliche Behörde in Bayreuth, die den Bau nicht nur genehmigen, sondern auch bezahlen musste, hatte 1698 grünes Licht für den Neubau gegeben. Im gleichen Jahr machte auch ein Jude den Versuch, sich hier niederzulassen und (mit obrigkeitlicher Erlaubnis) ein eigenes Haus zu errichten. „Aber die Bauern trieben ihn wieder aus dem Haus, trugen sein Waar auf die Straßen und tathen es auf den Grund weg. Mithin der Jud mußte aus dem Dorf bleiben"(126). Gutenstetten sorgte schon damals dafür, judenfrei zu sein, im Gegensatz etwa zu Pahres, wo sich Juden fast 200 Jahre vorher niederlassen konnten. Es scheint in unserer Gegend damals öfters vorgekommen zu sein, dass Juden trotz genehmigtem Zuzug wieder vertrieben wurden(127). Offenbar nahmen die Behörden den Widerstand der Bevölkerung hin. 104) DÖDERLEIN, Pfarrbuch, S. 25. 105) SCHNIZZER, Chronica, S. 25. 106) Evangelisches Kirchenlexikon, Bd. III, Sp. 216 (Göttingen 1959). 107) Vgl. zum Folgenden: Paul SCHAUDIG, Der Pietismus und Separatismus im Aischgrund,       Schwäbisch Gmünd 1925, hier: S. 5. 108) Ebd., S. 35. 109) Ebd., S. 36 f. 110) Ebd., S. 39 f. 111) Ebd., S. 4l und 47. 112) Ebd., S. 52. 113) Ebd., S. 56 f. 114) Ebd. 115) Ebd., S. 64. 116) Ebd., S. 65. 117) Ebd. 118) Ebd., S. 70. 119) Ebd., S. 80. 120) Ebd., S. 85. 121) Ebd., S. 85 f. 122) Ebd., S. 88 f. 123) Ebd., S. 89. 124) Ebd., S. 106. 125) Ebd., S. 108 f. 126) SCHNIZZER, Chronica, S. 11. 127) Vgl. DÖLLNER, Entwicklungsgeschichte, S. 171.Bis zum Ende der fränkischen Selbstständigkeit, 1810In jener Zeit wachte der Geist der Gegenreformation noch einmal auf mit alten Drohungen und neuen Verfolgungen. Im Bistum Salzburg wurden die dort noch verbliebenen evangelischen Untertanen nach längerer halbherziger Duldung erneut von harten Rekatholisierungsmaßnahmen betroffen. Wie schon 100 Jahre vorher gab es nur die eine Alternative: entweder katholisch werden oder auswandern. So zogen seit 1731 Trecks von Exulanten durchs Land. Einige blieben in Franken, die meisten aber strebten nach Ostpreußen, wo ihnen der preußische König Friedrich Wilhelm I. Siedlungsraum angeboten hatte. Eine der Auswanderergrup-pen machte 1732 in Schornweisach Station. Die Gemeinde beging das Ereignis wie ein kirchliches Fest. Nach dem Bericht des späteren Gutenstettener Pfarrers Martin Heinrich Feder wurden die Exulanten mit Glockengeläut und einer Andacht empfangen. Nach einem Ruhetag setzten die Flüchtlinge, entlassen mit dem Segen des Herrn, ihre Wanderung fort(128). Hiergeblieben ist keiner, ob einer von ihnen dazu eingeladen wurde, ist nicht überliefert. Auch in Franken war das 18. Jahrhundert eine bewegte Zeit. Politisch war unser Dorf an den Rand gerückt, aber es war natürlich in die Umbrüche der Zeit einbezogen. Zu berichten ist vor allem Örtliches. Das Pfarrhaus, um damit zu beginnen, war um 1800 schon wieder so heruntergewohnt, dass der Bayreutner (preußische) JBaumspektor bei einem Besuch in Gutenstetten Anlass hatte, den genügsamen Pfarrer, der darin wohnen musste, zu bedauern und ob seiner Geduld zu bewundern(129). Weil er die Bau-Akten nicht kannte, schätzte er das Alter des Hauses auf ca. 300 Jahre! Das geistliche Klima in der Gemeinde scheint von der pietistischen Bewegung nicht nachhaltig beeinflusst worden zu sein, denn der 1744 neu aufgezogene Pfarrer Küffner fasst seinen ersten Eindruck in die Worte: „Es ist eine an vielen Seiten verwilderte Gemeinde"(130). Es könnte freilich auch sein, dass dieser Pfarrer sich allerorten von Verwilderung bedroht sah, denn fünf Jahre später erscheint seine Ehefrau schutzsuchend auf dem Konsistorium in Neustadt und zeigt Wunden und Striemen vor, die ihr Mann ihr beigebracht haben soll(131). Rechnete er auch sie zu den „Verwilderten"? Außer Pfarrer Oertel verdient der schon genannte Pfarrer Feder besondere Erwähnung, auch wenn seine Verdienste schon in seine Zeit in Münchsteinach gehören. Dort verfasste er eine Chronik über die Geschehnisse in unserer Gegend. 1749 wechselte er nach Gutenstetten, doch war ihm hier nur noch ein noch knappes Jahr gegeben. Während einer Leichenpredigt brach er auf dem Friedhof tot zusammen. Bemerkenswert ist auch, dass damals im Abstand von wenigen Jahren zwei der hiesigen Pfarrer mit handfestem Ehebruch von sich reden machten. Beide Male zeitigten die Verfehlungen die in solchen Fällen häufig eintretenden natürlichen Folgen. Die jungen Frauen, die sich mit den Pfarrern eingelassen hatten, waren zeitlebens gezeichnet, die betreffenden Pfarrer konnten sich in der Gemeinde nicht mehr halten und verließen sie fluchtartig(132). Solche Entgleisungen sind aus vorherigen Zeiten hier nicht überliefert, obwohl sie vorgekommen sein dürften. Warum werden sie gerade jetzt berichtet? Zwei Antworten liegen nahe, vielleicht sind beide richtig: Erstens könnte es sein, dass sich in jener Zeit auch in den Pfarrhäusern die Sitten gelockert hatten . Zweitens läge es nahe, dass die Menschen jener Zeit heftiger auf solche pfarrherrlichen Verstöße reagierten als frühere Geschlechter. Beides, dass Ehebruch auch bei Geistlichen öffentlich wurde und dass dies als Skandal empfunden wurde, gehört zu den Signalen einer neuen Zeit, in dei auch traditionelle Autoritäten ins Wanken kamen. Die neue Zeit meldete sich allenthalben, sie berührte fast alle Eebensbereiche. Wir treten ein in das Zeitalter der Aufklärung. Man fing an, sich genauer umzusehen und umzuhören. Allenthalben entwickelte sich ein reges Interesse an den Vorgängen der Natur. Die „Vernunft" wurde mehr und mehr zum Maß menschlichen Handelns und Reagierens. Der neue Geist griff auch auf das flache Land über. Wie gezeigt wurden die Sitten lockerer, aber die Einsichten in die natürlichen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung klarer. Gerade die Pfarrhäuser entdeckten eine neue Verantwortung für den aufklärerischen Fortschritt. Der Sonntagsgottesdienst wurde zur Lehrstunde. In den Predigten machten sich Themen des Alltags breit: Außer Sündenvergebung und Hoffnung auf ewiges Eeben werden nun auch neue Erkenntnisse in Ackerbau und Viehzucht und Anleitungen zu vernunftgeleitetem Handeln vermittelt. Immer wieder wurde beispielsweise die damals weitverbreitete Angst vor dem Scheintod und die möglichen Vorkehrungen dagegen zum Thema gemacht. Seine Predigt darüber beschloss ein Pfarrer mit dem einprägsamen Reim: „Den Leichnam senk' so schnell nicht ein, er könnte noch lebendig sein." Aber auch die Fürstenhöfe blieben von der Aufklärung nicht unberührt. Markgraf Alexander, unter dem jetzt die beiden fränkischen Fürstentümer vereinigt waren, wollte nach dem Vorbild seines großen Onkels in Berlin, des Preußenkönigs Friedrich II. (des „Großen") ein aufgeklärter Fürst sein. Vor allem unterstützte er den landwirtschaftlichen Fortschritt in seinem Territorium. Den Kartoffelanbau förderte er nach Kräften. Man kannte die aus Amerika stammende Feldfrucht auch in Franken schon länger, aber seit etwa 1770 trieb der Markgraf ihre Kultivierung im größeren Stil voran, die Missernten von 1770/71 mögen diesen Prozess beschleunigt haben(133). Auf Alexander geht auch die Einführung des 1752 erfundenen Blitzableiters zurück, mit dem er genauso dem Volkswohl dienen wollte wie mit der Einführung einer allgemeinen Brandversicherung. Allenthalben setzten sich Maßnahmen durch, die von der Vernunft getragen waren. In unserer Gegend fand damals der Beschluss der hiesigen Gemeinde große Beachtung, dass „jeder Gemeindemann" auf dem Gemeinde-Ödland einen Obstbaum zu pflanzen habe(134). Schon vorher, 1750, hat man auf den Ausbruch einer schlimmen Viehseuche - es könnte die Maul -und Klauenseuche gewesen sein - „modern" reagiert. Man nahm die Erkrankungen in den Ställen nicht als Strafe Gottes hin, man wollte auch nicht den Dorfhexen oder anderen Zaubermächten die Schuld geben oder gar ihnen die Bekämpfung der Seuche anvertrauen, sondern traf „vernünftige" Gegenmaßnahmen, die dem Wissensstand der Zeit entsprachen, auch wenn sich schließlich „Gott mit aller dieser Vorsicht die Hände nicht binden hat lassen"(135). 1775 wurde auf der Gutenstettener Gemeindeflur eine stabile Brücke über die Aisch geschlagen. Mit ihr verlor endlich der Fuhrverkehr nach Neustadt seinen täglichen Abenteuer-Charakter. Wichtige Veränderungen vollzogen sich zu jener Zeit auch im politischen Bereich. Innerhalb weniger Jahrzehnte wandelten sich in Franken die Herrschaftsverhältnisse grundlegend. Das begann damit, dass der kinderlos gebliebene Markgraf Alexander von Ansbach 1791 abdankte. Für diesen Fall sah ein Erbvertrag vor, dass die beiden fränkischen Fürstentümer Ansbach und Bayreuth an die preußischen Verwandten fielen. Vorher allerdings offenbarte der ansonsten beim Volk nicht unbeliebte Markgraf, wie sehr er doch in der alten Zeit verwurzelt war. Um die auf seinen beiden Fürstentümern z.T. seit Generationen liegenden Schulden schneller abzubauen, besann er sich noch einmal auf die Rolle des absolutistischen Herrschers und schloss 1777 mit dem ihm befreundeten britischen Königshaus den „Subsidienvertrag", eine Vereinbarung, in der er sich verpflichtete, gegen Vergütung dem britischen König Soldaten zu schicken, die den im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg hart bedrängte britischen Truppen zu Hilfe kommen sollten. Das war glatter Menschenhandel. Ein erster Transport mit 1285 Soldaten wurde im März 1777 in Ochsenfurt eingeschifft. Innerhalb von vier Jahren folgten, trotz der Proteste anderer deutscher Fürsten, insbesondere des preußischen Onkels, noch weitere Transporte, die schließlich mehr als 2300 Soldaten nach Amerika lieferten. Auch ein Gutenstettener namens Kaspar Häußlein wurde damals geworben - oder entführt? Allerdings kam er nur bis Holland. Dort nahmen ihn Franzosen gefangen, die ihn Jahre später wieder in die Heimat zurückschickten(136). Die markgräflichen Verbände sollen bei diesen Kämpfen schwere Verluste erlitten haben. „Von den zwischen 1777 und 1781 nach Amerika geschickten mehr als 2300 ansbach-bayreuthischen Soldaten kehrten nur etwa 1150 in die Heimat zurück"(137). Allerdings weiß man, dass viele der Nichtheimgekehrten freiwillig in Amerika blieben. Die Preußen kamen 1791. Sie setzten den bereits in Ansbach tätigen Minister Karl August Freiherr von Hardenberg zum Bevollmächtigten über die fränkischen Fürstentümer ein. Dieser richtete sein Augenmerk vor allem auf die Modernisierung des „rückständigen" Frankenlandes. Die konservativen Kreise in Franken nahmen seine Reformen nur unter Stöhnen hin. In der übrigen Bevölkerung aber wurde der neue Herr geachtet und geschätzt138. Einschneidendste Maßnahme war die Einführung des Preußischen Landrechts. Viele nur noch aus der Geschichte erklärbaren Ämter und Instanzen, wie die Kasten-, Vogtei-, Kloster- oder Kammerämter, wurden nun aufgelöst139, am 1.1.1797 schlug auch das Stündlein für das Klosteramt Münchsteinach, Jahrhunderte lang die unmittelbare Obrigkeit für Gutenstetten. Das Eand wurde in neue Verwaltungseinheiten aufgeteilt, Vorformen der späteren Landkreise. Verwaltung und Justiz wurden getrennt. In unserem Bereich kam die Verwaltung nach Neustadt, während das Justizamt sich zunächst noch in Dachsbach hielt - bis man den dortigen Justizamtmann Herrgott wegen des Verdachts der Unterschlagung verhaftete. Langfristig als besonders segensreich erwies sich die Einführung der Pockenschutzimpfung. Durch sie konnte endlich dieser verheerenden Seuche, an der seit dem Mittelalter Millionen von Menschen in Europa gestorben waren, der Schrecken genommen werden. Auch die allgemeine Schulpflicht lag Hardenberg am Herzen, eingeführt wurde sie aber erst nach der Eingliederung Frankens in das Königreich Bayern. Die fränkischen Bauern hatten Hardenberg zu danken, dass er einer weiteren Zersplitterung des oft bis zur Unwirtschaftlichkeit zererbten bäuerlichen Grundbesitzes ein Ende machte: 1796 verbot er die Realteilung und unterstützte die Verteilung von Gemeindeland an die Bauern(140). Besonders fühlbar war für die Landbevölkerung eine Maßnahme, die uns Heutigen eher zweitrangig scheint: Die dritten Feiertage der drei kirchlichen Hauptfeste wurden abgeschafft(141). All diese Neuerungen müssen auf dem Hintergrund der Französischen Revolution gesehen werden. In Frankreich war sie damals in vollem Gange. Sie wirkte bis hinein in die deutschen Fürstentümer, die durch Modernisierungsmaßnahmen dem Revolutionsdruck zu entgehen suchten. Erst die französischen Kriege seit 1796 leiteten auch in Deutschland den politischen Wandel ein. Nach Napoleons Sieg bei Jena und Auerstedt (1806) besetzten die französischen Truppen das Bayreuther Unterland. Im gleichen Jahr kamen sie auch nach Neustadt. Die französische Besatzung setzte die von Hardenberg eingeleitete Modernisierung fort. Die Bauernhöfe wurden von einigen jahrhundertealten Lasten befreit. So wurden „Besthaupt" - eine lästige Art von Erbschaftssteuer -, Leibeigenschaft und Frondienste abgeschafft(142). Mehrere Jahre lang war Franken französisches Besatzungsgebiet mit allerlei unliebsamen Begleitumständen. Am schwersten drückten die häufigen Einquartierungen. Diese bedeuteten im Einzelfall, dass Haus und Hof mit den Besatzungstruppen geteilt werden mussten. Die fremden Soldaten forderten kostenlose Versorgung mit Speise und Trank und „Hand- und Spanndienste": Zugtiere, Fuhrwerke und Kutscher mussten gestellt werden. Schwer waren diese Belastungen schon, unermesslich hoch aber waren sie nicht. In Gutenstetten wurden sie damals in Heller und Pfennig ausgerechnet, um sie später auf die Bevölkerung umlegen zu können(143): Die von 1807 bis 1813 angefallenen Einquartierungskosten beliefen sich auf 12 267 Gulden und 41 'A Kreuzer. Die Gesamthöhe aller Kriegsbelastungen von 1807 bis 1814 wurden für Gutenstetten mit 24 241 Gulden 73 'A Kreuzern beziffert. Sie wurden nach einem bestimmten Schlüssel auf alle Gemeindemitglieder verteilt. Beispielsweise hatte ein Grundbesitzer mit 68 Tagwerk l 937 Gulden aufzubringen, den Schweinehirt traf es mit 15 Gulden(144). Einige Gutenstettener erlebten die Höhen und Tiefen der Napoleonischen Kriege auch als Soldaten, einer von ihnen, Johann Hartmann, kam aus dem Feldzug nach Russland 1812 nicht mehr zurück(145). Der siegreiche Kaiser Napoleon ging mit den deutschen Fürstentümern um wie mit einem Privatbesitz, über den er nach Gutdünken verfügen konnte. Besonders gut kam das mit ihm verbündete Bayern weg. Er entlohnte das Land mit Hohenzollernbesitz: 1806 teilte er das Ansbacher Fürstentum dem kurz zuvor von ihm zum König erhobenen bayerischen Herzog zu. 1810 erhält der neue König auch noch das Fürstentum Bayreuth(146). Und der gibt den preußischen Teil Frankens nicht mehr her. Da um diese Zeit auch die geistlichen Fürstentümer in Franken ihre weltliche Macht einbüßten, wird Franken von Grund auf politisch neu geordnet. Aus selbststständigen Herrschaften wird bayerische Provinz. Auch in der Geschichte von Gutenstetten wird damit eine neue Seite aufgeschlagen. 128) LEHNES, Geschichtliche Nachrichten, S. 136. 129) BACIGALUPO, Landleben, S. 225. 130) Ebd., S. 217. 131) Ebd., S. 219. 132) Das war 1745 und 1749. S. ebenda S. 216 und 219. 133) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S 26, dazu auch SCHUHMANN, Die Markgrafen, S. 251-262. 134) DöLLNER, Entwicklungsgeschichte, S. 147. 135) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 24. 136) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 25. 137) Kriegelstein, Reformation, S. 65. 138) Ebd., S. 74. 139) Ebd., S. 76 f. 140 MÜCK, Neustadt an der Aisch, S. 75. 141) DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 28. 142) MÜCK, Neustadt an der Aisch, S. 74. 143) Vgl. DEININGER, Geschichtliche Nachrichten, S. 28 - 30. 144) DEININGER. Geschichtliche Nachrichten, S. 30. 145) Ebenda. 146) Vgl. Kriegelstein, Reformation, S. 78 f. Statist.: Reichssteuerregister 1497 (zur Erhebung der „Türkensteuer)Während die Kirchenbücher im ausgehenden 16. Jahrhundert beginnen, helfen uns die Personenstandsbücher der politischen Gemeinden erst ab dem 1.1.1876 weiter. Umso wichtiger sind daher für Ahnenforscher Unterlagen aus staatlichen Archiven, geben sie doch zumindest einen Teileinblick in die Namen der Lehens- und Zinspflichtigen der damaligen Zeit. So hatte der Reichstag in Worms am 14. August 1495 zur Beschaffung der nötigen finanziellen Mittel für die Sicherung des inneren und äußeren Reichsfriedens den „Gemeinen Pfennig", eine am Vermögen orientierte Kopfsteuer (sie wurde auch Türkensteuer genannt) festgesetzt, die jeder im Reich, der älter als 15 Jahre war, zu entrichten hatte. Mit 11951 Einträgen (das Original befindet sich im Staatsarchiv Nürnberg ) ist dabei das Reichssteuerregister von 1497 des Fürstentums Brandenburg-Ansbach-Kulmbach unterhalb des Gebürgs (bearbeitet von Dr. Gerhard Rechter 1985) das umfangreichste Verzeichnis. Für das Kloster Münchsteinach sind 198 Zahlungspflichtige, die eine Steuerleistung in 99 Fällen von weniger als einem ½ fl. (Gulden), zwei Pflichtige mit einem ½ fl. und weitere zwei Pflichtige mit mehr als einem ½ fl. ausweist. Wie sich die Verhältnisse veränderten zeigt auch eine weitere Aufstellung aus dem Jahre 1534 und 1792. So finden sich im Verzeichnis von 1497 insgesamt 43 Zahlungspflichtige Haushalten, zwei Hirten, ein Müller, einem Schäfer, sieben Mägden, zwei Knechten, vier Hausgenossen finden sich auch Kinder, Mütter, alte Männer und Frauen, Töchter, Söhne, Schwiegervätern und Schwiegermüttern mit immerhin insgesamt 108 registrierten Personen. Für die damalige Zeit eine sicher hohe Zahl.(151) Das Ansbacher Salbuch von 1554 enthält für Gutenstetten folgende Besitzeinträge: ein Hof, acht halbe Hufen, drei Viertelhöfe, ein viertel Hüben, neun Lehen, 3 Güter, 27 Seiden, ein Schafhof und eine Mühle. 1792, kurz vor dem Übergang an die brandenburgisch-preußische Herrschaft sind bei Gutenstetten aufgeführt zwei Höfe, zwei Hüben, vier Halbhuben, vier Güter, 24 Seiden, zwei Häckersgüter und die Mühle, die zwar nicht erwähnt ist, aber mit Sicherheit bestanden hat. 151) Gerhard RECHTER, Das Reichsteuerregister von 1497 des Fürstentums       Brandenburg-Ansbach-Kulmbach unterhalb Gebürgs, 1. und 2. Teilband, Neustadt a.d.       Aisch 1985, Band l der Quellen und Forschungen zur Fränkischen Familiengeschichte

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Update:08.07.09 21:07